Interview:Zu Besuch in der Schwubliothek


Ein fast vergessener Ort

Die Schwubliothek

Mit über 4000 Titeln ist sie die grösste Bibliothek zum Thema Homosexualität in der Schweiz. Nicht viele finden den Weg hierher, um die Gesellschaft von Thomas und Klaus Mann, Bodo Kirchhoff, Philipp Tingler, James Baldwin oder Hugo Loetscher zu suchen.

Text: Yvonne Beck

Die Schwubliothek liegt am Sihlquai 67, im dritten Stock eines Wohnhauses in Zürich. Hier traf der Cruiser die beiden ehrenamtlichen Bibliothekare Walter Bucher und Christoph Landolt und sprach mit ihnen über schwule Literatur, die Zukunft der Einrichtung und die zerstörerischen Faktoren des Internets.

Was muss ein Buch erfüllen, um seine Heimat in der Schwubliothek zu finden?

Walter Bucher: Im Prinzip muss nur irgendetwas Schwules darin vorkommen oder der Autor ist homosexuell. Manchmal sind es jedoch auch nur ganz kleine homosexuelle Nuancen, die ein Buch für uns interessant machen. Wir haben sehr viele Bücher von schwulen Schweizer Autoren, auch wenn Homosexualität in ihren Büchern gar nicht thematisiert wird. Zum Beispiel von Hugo Loetscher, der sich ja in vielen seiner Bücher einer ganz anderen Thematik zuwendet. Unser Budget ist sehr klein, daher lege ich grossen Wert darauf, dass bei den belletristischen Neuanschaffungen ein gewisses Niveau vorhanden ist. Es gibt jedoch sicherlich einige Bücher in der Schwubliothek, die ich persönlich eher in die Schmuddelecke verdammen würde, aber hierbei handelt es sich meist um Schenkungen. Aber ohne Schenkungen könnten wir nicht existieren.

Könnt Ihr mir ein bisschen über die Geschichte der Schwubliothek erzählen?

Christoph Landolt: Gegründet wurde die Schwubliothek am 2. Januar 1985. Das ist eigentlich recht spät, wenn man bedenkt, dass es das HAZ bereits in den 70er Jahren gab. Der Buch-Grundstock stammt aus den Beständen der SOH («Schweizerischen Organisation Homophiler»), die wiederum über Bücher des legendären Schwulenzirkel «Der Kreis» verfügte. So gibt es in der Schwubliothek einige Bücher, die einen Stempel vom Kreis, vom SOH und von der HAZ haben. Das macht sie zu wichtigen «Zeitzeugen» der Zürcher Schwulengeschichte. Inzwischen haben wir zirka 4000 Bücher und 500 DVDs zum Ausleihen.

Wie finanziert Ihr Euch?

Walter Bucher: Wir arbeiten fast alle ehrenamtlich. Es gibt ein Budget von 2000,- CHF pro Jahr. Davon werden 1000,- für Bücher und 1000,- für DVDs verwendet.

Wer darf die Schwubliothek besuchen?

Christoph Landolt: Jeder darf zu uns kommen. Ausleihen darf man ab 16 Jahren.

Wie wird Euer Angebot angenommen?

Walter Bucher: Wir haben zirka 500 Besucher im Jahr. Vor zehn Jahren waren es noch über 1000. DVDs werden etwas besser angenommen als die Bücher. Wir haben ein paar Stammbesucher, die Bücher ausleihen, aber das sind inzwischen wirklich wenig geworden.

Wer besucht die Schwubliothek?

Christoph Landolt: Wir haben sehr viele langjährige Besucher. Die meisten sind eher älter. Bei den Jüngeren herrscht leider ein absolutes Desinteresse, sowohl bei den Büchern als auch den Filmen. Die Zeiten haben sich einfach geändert. Als ich mein Coming-out hatte, waren schwule Literatur und Filme extrem wichtig. Heute zeigen auch die Coming-out-Gruppen nur wenig Interesse daran.

Walter Bucher: Ich denke, dies ist ein allgemeiner Trend. Auch in der Pestalozzi Bibliothek sind die Ausleihzahlen für Bücher seit Jahren rückläufig. DVDs und CDs laufen zwar noch recht gut, aber auch hier nehmen die Zahlen ab. Vieles lässt sich inzwischen ganz einfach im Internet herunterladen. Ab und zu haben wir jedoch Besucher, die zu Recherchezwecken kommen, denn viele der alten und unbekannteren Werke sind im Netz nicht zu finden.

Was ist die grösste Trouvaille der Schwubliothek?

Christoph Landolt: Zum einen haben wir die alten Bände vom «Kreis», die seit kurzem jedoch auch in digitalisierter Form vorliegen. Sprich, im Internet frei für jeden zugänglich sind. Aber viele andere Bücher aus der «Kreis»-Zeit sind inzwischen vergriffen. Bei uns sind sie noch zu finden. Gerade im Bereich der Belletristik. Wir haben bisher noch nie etwas weggeschmissen, deshalb sind wirklich einige kleine Schätze zu finden. Zum Beispiel Joseph Mühlberger «Die Knaben und der Fluss», dieses Buch werden heute nicht mehr viele lesen. Der dokumentarische Wert mit den Stempeln vom Kreis und der SOH ist jedoch nicht zu unterschätzen. Wir haben sogar einige Bücher mit der Originalunterschrift des Autors.

Wie sucht Ihr aus, welche Bücher bzw. Filme in die Bibliothek kommen?

Walter Bucher: Ich lese viele Rezensionen, lasse mir Kataloge von den einschlägigen Buchverlagen schicken, besuche oft Buchhandlungen und recherchiere sehr viel im Internet.

Eure drei «Must»-Bücher, die jeder Schwule gelesen haben sollte?

Christoph Landolt: Mir gefallen eher ältere Bücher wie von Edward Morgan Forster oder James Baldwin. Diese Literatur gefällt mir einfach besser, weil man merkt, dass es damals viel mehr Engagement gebraucht hat, um solche Themen aufzugreifen. Heute ist einfach alles so selbstverständlich und dadurch sehr oberflächlich.

Walter Bucher: Sicher mal einen Klassiker wie «Der Tod in Venedig», aber ich mag auch Klaus Manns «Der Wendepunkt» und als neues Buch würde ich «Liebestod auf Long Island» von Gilbert Adair empfehlen – obwohl es vom Inhalt recht ähnlich ist wie der Tod in Venedig.

Was wird am meisten ausgeliehen?

Walter Bucher: Die Krimis von Sunil Mann kommen gut an und die Bücher des in Basel lebenden Autors Alain Claude Sulzer werden auch sehr gerne gelesen. Christoph Geiser hingegen wird kaum mehr ausgeliehen.

Christoph Landolt: Bei Büchern sind es eher die neueren Sachen. Alles, was wir ein bisschen mehr präsentieren. Vermehrt werden Bücher aus dem ersten Raum ausgeliehen. Früher waren Comics sehr gefragt. Heute, seitdem wir sie im hinteren Raum ausstellen, fragt kaum mehr einer danach. Wobei Ralph König immer noch sehr beliebt ist. Und auch bei den Filmen sind die Neuanschaffungen am beliebtesten.

Habt Ihr auch lesbische Bücher im Sortiment?

Christoph Landolt: Eine Handvoll kann man sicher finden. Wie genau die hier hingekommen sind, weiss keiner. Bei den Filmen gibt es ein paar DVDs, die mit F gekennzeichnet sind. Aber der gesamte lesbische Bestand wurde der Bibliothek «Schema f» übergeben. Zurzeit ist dieser jedoch eingelagert. Falls das Regenbogenhaus jemals zustande kommt, würde es eine grosse gemeinsame Bibliothek geben mit einer lesbischen und einer schwulen Abteilung.

Wozu braucht es heute noch eine Schwubliothek?

Christoph Landolt: Vielleicht ist die Schwubliothek ein überholtes Relikt aus der Zeit, als man sich noch nicht getraut hat, in der ZB Bücher mit homosexuellen Inhalt auszuleihen und eine Pestalozzi-Bibliothek solche Bücher erst gar nicht geführt hat. Heute hat ja sogar Orell-Füssli eine schwule Ecke und im Internet bekommt man eh fast alles, was man will. Klar stellt sich da die Frage, braucht man noch einen Ort wie die Schwubliothek. Aber es gibt sonst keinen Ort, an dem man so konzentriert Bücher zum Thema Schwulsein finden kann. In der ZB muss ich wissen, was ich suche, hier kann ich durch die Regale stöbern, bis ich das richtige gefunden habe. Ich denke, es wird immer Menschen geben, die daran Freude haben.

***Das ganze Interview fibt es im Cruiser März nachzulesen***