Kolumne: Gleiche Rechte für alle. Und herzige Löwenkostüme.


Michi Rüegg hat eine Zürcher Wahlkampfveranstaltung besucht, in der es auch um LGBT-Themen ging. Zumindest meinte er, es ginge darum.

«Gleiche Rechte für alle.» Das tönt nicht nur gut, das steht auch auf vielen Plakaten. Die Schrift ist allerdings nicht so gross, wie der Kopf daneben. Der Kopf zeigt das Antlitz von Markus Hungerbühler. Während ich diese Zeilen schreibe, ist er noch Zürcher Stadtrats-Kandidat der CVP. Während Sie, lieber Leser, dies lesen, ist er entweder gewählter Stadtrat oder glückloser Verlierer. Allenfalls ist er Kandidat in einem zweiten Wahlgang. Je nach Mathematik, und darin war ich nie gut.

Markus Hungerbühler muss man hoch anrechnen, dass er in einer eher verkorksten Partei seit vielen Jahren ganz offen schwul ist. Dass er trotz bevorstehender Kandidatur für ein Exekutivamt mit seinem Mann zusammen beschlossen hat, via Leihmutter Vater zu werden. Und natürlich, dass er sich für LGBT-Anliegen einsetzt. So gesehen ist er auch nicht Schuld an dem, was ich hier beschreibe.

Im Januar nämlich haben die «Top Five», die bürgerlichen Kandidaten und Kandidatin für den Zürcher Stadtrat ein Podium in Oerlikon abgehalten. Von den Five kamen dann nur Four, der amtierende Filippo Leutenegger blieb fern, ohne entschuldigt worden zu sein. Ich dachte, boa-ey, alles Bürgerliche, zwei davon in der notorisch homophoben SVP, und die reden über gleiche Rechte für alle. Da muss ich hin.

Ich war dann auch der Einzige. Also nicht der einzige Gast, aber der Einzige, der irgendwie freiwillig da war. Ohne dass er oder sie parteilich dazu verpflichtet gewesen wäre. Der Moderator selber war Stadtpräsident. Nicht von Zürich, sondern von Wädenswil. Ein sehr netter Herr. Und er hat seine Arbeit eigentlich auch ganz anständig gemacht, sieht man mal vom leichten Inzest-Faktor ab, den ein bürgerliches Podium, von einem bürgerlichen Politiker moderiert, zwangsweise ausstrahlt. Nach kurzer Zeit brachte der moderierende Stadtpräsident die gleichen Rechte zur Sprache, die für alle gelten sollen würden.

Von da an ging‘s bergab. Gleiche Rechte für alle, war vom Podium zu vernehmen, das heisse eben, dass Hausbesitzer das Recht hätten, Hausbesetzer durch die Polizei entfernen zu lassen. Und zwar ohne Abbruch- oder Umbaubewilligung. Gleiche Rechte für alle, das heisse auch, dass Polizisten nicht Menschen aller Hautfarben kontrollieren müssten, sondern eben ganz gezielt Dunkelhäutige, wie sie es in der Polizeischule gelernt hätten. Gleiche Rechte für alle, das bedeute halt auch, dass ein Beizer im Kreis 1 dort ein paar Stühle hinstellen dürfe, wo er eigentlich nicht dürfe, weil ja die Hausbesetzer auch nicht fragen würden, was sie dürften und nicht dürften. Und gleiche Rechte für alle, das gelte auch für Velos, die die armen Autos immer mehr von den Strassen verdrängen würden.

Zwischenzeitlich blickte ich mich um, in der Hoffnung, irgendwo eine versteckte Kamera zu entdecken. Leider Fehlanzeige. Nachdem viel geredet worden war, meldete sich eine jüngere Frau. Sie sei behindert, sagte sie. Und sie brauche eine Wohnung, die ihren Bedürfnissen gerecht werde. Immer, wenn sie bei der Stadt anfrage, hiesse es, sie müsse halt warten, bis sie alt sei. Dann dürfe sie in eine Alterswohnung ziehen. Allerdings dauere das noch so an die dreissig bis vierzig Jahre. Was sie denn in der Zwischenzeit machen solle, wollte die Frau wissen.

Der Herr von der SVP setzte zu einer Antwort an. Nun, sagte er, genau deshalb wolle man den linken Klüngel aus den städtischen Wohnungen vertreiben, also die Leute, die es gar nicht nötig hätten, günstig zu wohnen. Und dafür ihr, also sofern Sie nicht in einem Rollstuhl sei, oder auch wenn, also überhaupt. Und so.

Es war eine Art Antwort, zwar weder auf ihre Frage, noch auf sonst eine. Aber immerhin. Danach kamen noch ein, zwei einstudierte Fragen aus dem Publikum. Und schon freute sich der Saal auf den Apéro. Vorher gab‘s noch ein Gruppenfoto mit zwei Menschen im herzigen Löwenkostüm. Ich nahm an, dass es sich in den Kostümen um junge Menschen handelte. Ich hätte sie gerne sexuell belästigt. Nur um zu sehen, was passiert.

Später fragte ich den Moderator, wieso er denn das eigentliche Thema, die Rechte von echten Minderheiten nicht angesprochen habe. Tja, sagte er, er habe es sich notiert. Aber im Verlauf des Gesprächs habe er dann davon abgesehen.

Vermutlich war ich allein zu allein im Saal.