Kolumne: Andreas Lehner freut sich über Aktivist*innen, Pflanzen und peinliche Momente


Kennt ihr das? Am Morgen nach dem Aufstehen mit Kafi und Zigarette in der Stube sitzen und «liken». Schliesslich ist mir wichtig, was die Welt – oder meine Bubble – von mir denkt. Am Helvetiaplatz angesprochen, fällt mir auf, dass ich zwar online unterschrieben, geliked und geteilt habe, zum Schluss aber vergessen habe, den Unterschriftenbogen auszudrucken und auf die Post zu geben. So weit, so gut. Halt nur eine virtuelle Teilhabe an der Demokratie.

Nun aber das: Gleichzeitig mit den Kletterpflanzen im Garten poppen Demonstrationen und Anlässe aus dem Boden. «Tag der lesbischen Sichtbarkeit»: Ja, geht Mädels. Macht euch sichtbar! Kämpft für eure Rechte. Das Kiss-In am Escher-Wyss-Platz gegen den homo- und transphoben Rapper «Bounty Killer»: Yesssss. Küssen für die gute Sache. Da geh ich auch hin. «Die grosse Um_ordnung»: Privilegien für alle. Eine Einladung zum Aufstand. Das ist was für mich. Ein Brecht-Abend bei der SP in Zürich: Stimmt, den habe ich auch gelesen! Da will ich alles wissen. Nicht zu vergessen den Abend mit Mona Gamie im Theater Winkelwiese (www.monagamie.ch): Aus der Milchjugend entstanden, steht sie heute als Jungstar auf eigenen Beinen. Und die Anlässe der Milchis jüngeln auch wie die Chüngel: Milchbar in Baden, neu in Luzern und noch neuer in Bern. Und dazwischen die Molke 7-Party im Heaven. Das finde ich ja richtig geil. Ein sicherer Platz für die junge Menschen*.

Und was ist mit unserer Generation? So ein bisschen alt, aber im Herzen noch jung? Oft schleppen wir uns von Prosecco-Apéro zu Geschäftsanlass zum gemeinsamen Abendessen zu Hause. Das finde ich doof. Was dagegen tun? Richtig: Hingehen an die vielen Nächte. Klar, bin ich langsam eher «Daddy» als «Twink» und komme mir manchmal richtig doof vor. Aber wie sonst wollen wir weitergeben, was wir erlebt und gelernt haben? Denn oft denke oder sage ich: «Hatten wir auch. Damals.» Als ich 14 war. Oder 20. Als das schwule Leben noch ein Ghetto war. Neid?

Vielleicht wäre ja die Pride in Lugano oder Zürich der richtige Platz. Damit wir uns mischen. Nicht ängstlich oder traurig zuhause hocken und das gewünschte Leben in Facebook «liken». Nicht im virtuellen Raum, sondern draussen im richtig richtigen Leben. Lassen wir uns gehen. Lassen wir es krachen. Das Ziel ist erreicht, wenn jeder mal der Peinlichste an einer Party war.

Und dann möchte ich wieder lernen zu flirten. Nicht sofort den Blick abwenden, weil ich denke, dass das peinlich sein könnte. Anschauen! Und dazu lächeln.

So wünsche ich euch und mir viele exotische Nächte mit vielen spannenden und langweiligen Begegnungen. Vielleicht entwickelt sich dadurch eine Bewegung, die quer durch die Generationen, Geschlechter und Identitäten fegt. Und wer weiss, vielleicht male ich mir dann doch eines Tages die Fingernägel an. Das dauert aber wahrscheinlich noch ein bisschen.