Ich pinkwash mich selbst. Wer hilft mit?


Andreas Lehner über den Pridemonat

Grossbanken und Pharmaindustrie laden zur Pride. Hmmm. Sehr schön. Alle Firmen sind soooo queer im Juni. Hmmm. Ich bin auch extra queer im Juni. Halt. Stopp. Wirklich?

Ich geb’s zu. Mir waren Firmen immer suspekt, die sich für Rechte von Schwulen, Lesben und anderen Queers stark machen. Hat sich schon eine gewinnorientierte Unternehmung für mich interessiert? So wirklich?

Und ja. Es geht vor allem um Schwule. Ein bisschen sind die Lesben mitgemeint. Aber habt ihr je eine Bank gesehen, die sich für Trans- oder Inter-Rechte eingesetzt hat? Kaum vorstellbar.

Und das ist auch die ganze Krux mit dem Pridemonat. Ich, als CIS-heteronormativer Schwuler werde umgarnt. Da gibt’s auch ganz viel Stockbilder dazu. Aber schön und jung müssen sie sein. Hmmm. Bin ich jetzt wirklich mitgemeint?

Die Quintessenz sagt, dass wir, glaube ich, alle nicht gemeint sind. Ausser lächelnde, schwule CIS-heteronormative Schwule. Und wer ist das schon? Also sind wir wahrscheinlich alle irgendwie nicht gemeint. Aber anscheinend rentiert es sich. Anscheinend hilft’s solidarischen Menschen, sich für eine Bank, einen Kafi-Hersteller oder eine Kleidermarke zu entscheiden. Doch was hat das mit mir zu tun?

Vielleicht sollte ich die Rainbow-Flag vom Balkon nehmen. Irgendetwas beschmutzt meine Fahne, meinen Stolz, mein Selbstverständnis. Und ich helfe auch noch gerne dabei.

In der Diskussion mit Kolleg*innen frage ich mich, ob das das Ende des Kapitalismus ist. Geld für Geld. Scheckbuch-Solidarität. Das letzte Aufbäumen der kapitalistischen Kultur.

Natürlich. Wenn ich mich nicht genau beobachte, komme ich mir im Juni immer noch ein bisschen wichtiger vor. Ein bisschen ernstgenommener. Ich suche grad ein Rainbow-T-Shirt. Shit, ich besitze keins. Aber ich könnte mich einen Ticken schwuler anziehen im Juni. Ich gehöre doch dazu. Bitte. Dringend.

So. Die wirren Gedanken sind draussen. Sorry für die Chropflärete. Aber es musste sein. Nüchtern zusammengefasst heisst das:

  • Keinen Fussbreit den kapitalistischen Unternehmen, die meinen, sie könnten uns für dumm verkaufen.

  • Wann wollen wir mit einer neuen, wirklich diversen Gesellschaftsordnung beginnen, wenn nicht heute?

  • Wie schaffen wir es, uns liebzuhaben? Nicht nur Bodyshaming anzuprangern, sondern richtig zu leben, zu lieben und uns zu entwickeln.

  • Wie freuen und feiern und leben wir zusammen, trotz Spaltungsversuchen der Industrie?

Für uns Schwule macht nämlich das Ganze keinen Sinn. Auch wir wollen Teil der Community sein. Denn Ausgrenzung durch Dauererwähnung ist auch Diskriminierung.

In diesem Sinne: Happy Pride! Und happy Frauenstreik. Streiken wir doch alle für alles, was uns wichtig ist. Heute, morgen und nächstes Jahr. Und für dieses Jahr: Ich pinkwash mich selber und gebe mir an der Pride die Kante. Und dafür lade ich brav meine Prepaid-Kreditkarte auf. Wir sehen uns…