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«Ein verkorkstes, veraltetes und toxisches Männlichkeitsideal»


Homo- und transphobe Gewalt soll endlich erfasst werden. Cruiser wollte bei Angelo Barille wissen, warum sich diesbezüglich noch immer nichts getan hat.

Haymo Empl


Immer wieder lesen und hören wir, dass es zu Übergriffen gegenüber LGBT*-Personen kommt. Pink Cross stellt deshalb fest: «Homo- und transphobe Gewalt ist leider auch in der Schweiz Alltag. Psychische oder physische Attacken finden auch hier statt.» Diese «Hate Crimes» - also Hassverbrechen - werden in den meisten Fällen nicht der Polizei gemeldet. Pink Cross schreibt dazu auf der Webseite: «Werden sie gemeldet, werden diese (Übergriffe) nicht explizit als Hate Crimes erfasst.» Dass etwas geändert werden muss, ist mittlerweile allen klar. Nur, warum dauert es so lange? Wir haben bei Angelos Barrile nachgefragt. Der SP Nationalrat setzt sich aktiv für LGBT*-Anliegen ein und schaut, dass es endlich vorwärts geht mit der Erfassung und Beratung in Sachen «Hate Crime».

Angelo, warum tut sich bezüglich Hate Crime so gar nichts? Man liest immer wieder davon, danach «versandet» das alles jeweils wieder.

Angriffe auf queere Menschen gibt es seit langer Zeit immer wieder. Ich habe einen solchen tätlichen Angriff selbst vor über 20 Jahren erlebt. Um solche Taten zu erkennen, wurde auch einiges unternommen. Beispielsweise konnte erreicht werden, dass die Sensibilisierung auf homo- und transphobe Hate Crimes Bestandteil der Ausbildung der Zürcher Polizei geworden ist. In den letzten Jahren wurde in den Medien vermehrt berichtet und somit wurde auch die Öffentlichkeit sensibilisiert. Bis heute aber fehlt leider eine Statistik über die Häufigkeit und die Art von Angriffen wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Somit können wir nicht sagen, ob die Angriffe zugenommen haben oder sich die Opfer nun mehr trauen, darüber zu sprechen.

Mit der Abstimmung vom 9. Februar hat eine klare Mehrheit der Stimmbevölkerung gezeigt, dass sie Homophobie nicht akzeptiert, jetzt müssen weitere Taten folgen. Die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm reicht nicht.

Du möchtest nun mit einem nationalen Aktionsplan durchgreifen. Was sind die wichtigsten Punkte?

Wir von Pink Cross und den anderen LGBT*-Dachverbänden verlangen schon lange die statistische Erfassung, um den Handlungsbedarf aufzuzeigen. Eine entsprechende Motion fand zwar im Nationalrat eine Mehrheit, wurde aber vom Ständerat im März abgelehnt. Deshalb verlange ich nun vom Bundesrat einen Aktionsplan: Wie kann besser präventiv vorgegangen werden und wie können die Opfer nach Angriffen besser geschützt und begleitet werden? Auch die Täter*innenarbeit soll ausgebaut werden. Wenn wir verstehen, wie es zu Hate Crimes kommt, können wir gezielt Prävention betreiben. Angriffe zu verhindern, ist deutlich besser als erst zu reagieren, wenn sie geschehen sind.

Ich stelle mir zur Verhinderung von Hate Crimes gegen queere Menschen einen ähnlichen Bericht und Aktionsplan vor, wie zur Bekämpfung von Rassismus vorgegangen wurde.

Von welcher Seite her wird Widerstand zu erwarten sein? Was sind die Argumente auf beiden Seiten?

Widerstände gibt es wohl von verschiedenen Seiten. Die Argumente sind wohl die ähnlichen wie immer, wenn es um unsere Anliegen gibt. Bereits als erste Reaktion auf meinen Vorstoss hat ein SVP-Nationalrat behauptet, das Problem bestehe gar nicht und werde aufgebauscht. Wegen einzelner Fälle sei es übertrieben, einen Plan zu erarbeiten. Andere haben mir gesagt, wir sollten einen Selbstverteidigungskurs besuchen und uns selbst wehren.

Eine traurige Tatsache ist, dass immer noch jede Woche 1-2 solcher Meldungen bei der LGBT*-Hotline eingehen. Die Gegner*innen möchten wohl immer noch nicht realisieren, dass wir queere Menschen auch in der Schweiz gefährlicher leben als andere und dass es Menschen aus der Community gibt, die sich aus Angst davor nicht zeigen. Genau wegen dieser Menschen braucht es ein klares Zeichen aus der Politik.

Warum kommt es deiner Meinung nach immer wieder zu solchen Übergriffen?

Das ist schwer zu sagen, da Homo- und Transphobie komplexe Phänomene sind. Ich habe schon mit einigen Hate Crime-Opfern gesprochen und es scheint gewisse Gemeinsamkeiten zu geben. Denn obwohl Homophobie in der Bevölkerung in allen Alterskategorien vorkommt, gehen die tätlichen Angriffe meist eher von Gruppen junger Männer aus. Sie haben wohl am ehesten ein verkorkstes, veraltetes und toxisches Männlichkeitsideal und haben wohl das Gefühl, sich und der Gruppe beweisen zu müssen, «echte» Männer zu sein. Wenn diese Annahmen stimmen, ist die Prävention schon im Kindes- und Jugendalter besonders wichtig.

Ist «die Bevölkerung» weniger tolerant als früher?

Die Bevölkerung ist in der Mehrheit sicherlich offener und toleranter als früher und ich fühle mich als schwuler Mann und Politiker gut akzeptiert. Das hat auch das klare «Ja» der Stimmbevölkerung bei der Abstimmung zur Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm gezeigt. Aber vielleicht provoziert gerade die offenere Mehrheit die homophoben Menschen und sie werden aggressiv.

Ich bin überzeugt, wenn die Bevölkerung über einen Massnahmenplan zur Verhinderung von Hate Crimes abstimmen würde, fände das Anliegen eine Mehrheit.



Angelo Barrile (43) aus Pfungen bei Winterthur ist SP-Nationalrat und Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin. Er verlangt unter anderem vom Bundesrat einen entsprechenden Hate-Crime-Aktionsplan.