Der schwule Zeitzeuge

3 Feb 2015

Archiv Gegen das Vergessen - zum Tod eines Überlebenden

 

Vor 70 Jahren wurde das Konzertrationslager Auschwitz befreit. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir unseren Artikel "Gegen das Vergessen": Vor vier Jahren starb der 98-jährig Rudolf Brazda vor vier Jahren - er war der wohl letzte Zeitzeuge des Nazi-Terrors gegen Homosexuelle. «Das Glück kam immer zu mir», so seine Lebensbilanz. Im gleichnamigen Buch kommt seine erschütternde Geschichte an die Öffentlichkeit. Da gehört sie hin, da muss sie bleiben.

 

Von René Gerber

 

Wenn dem Unfassbaren nicht mit Worten beizukommen ist, helfen manchmal Zahlen. Paragraph 175: 100'000 Männer wurden während der systematischen Schwulenverfolgung im Dritten Reich polizeilich ermittelt, rund die Hälfte davon zu Haftstrafen verurteilt. Um die 15‘000 verschleppten die Nazis ins Konzentrationslager. Die Zahl der Überlebenden war gering, bleibt bis heute eine Reihe verschwommener Ziffern vor dem Hintergrund lang anhaltender Verdrängung. Wenn nüchterne Zahlen zu wenig sagen, können nur Zeugen der Tragödie ein Gesicht und eine Stimme geben. Rudolf Brazda war einer der 100‘000.

 

Mai 2008: Brazda sieht im Fernsehen einen Bericht über die bevorstehende Einweihung des Homo-Mahnmals in Berlin. Sofort weiss er: «Da muss ich hin!» Seine Nichte Elvira telefoniert sich durch halb Berlin, und als sie schliesslich Alexander Zinn am Apparat hat, den Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg, glaubt dieser, nicht richtig zu hören. Seit Jahren war man davon ausgegangen, dass kein Schwuler mehr am Leben war, der den Verfolgungsterror im Dritten Reich am eigenen Leib erfahren hatte. Nach dem ersten Treffen lag für Zinn nichts näher, als Brazdas Geschichte in einer Biografie festzuhalten. Er interviewte ihn, besuchte mit ihm die Orte seiner Jugend und seiner Unterdrückung. Vergangenen Frühling, vier Monate vor Brazdas Tod, wurde das Buch veröffentlicht, «Das Glück kam immer zu mir».

 

Erste Liebe, erste Verhaftung

 

1913 wird Rudolf in der Nähe von Leipzig geboren, jüngstes von acht Geschwistern, Sohn eines tschechischen Immigrantenpaares. Der Vater stirbt früh, die Mutter hält die Familie als Putzhilfe in den Büros der Kohlegrube über Wasser. Rudolf möchte Schaufensterdekorateur werden, doch mit seinem ausländischen Pass lässt sich keine Stelle finden. So entscheidet er sich für eine Dachdecker-Lehre. Schon früh zieht er heimlich die Kleider seiner Mutter an, geht nur mit Mädchen aus, um ihnen einen Gefallen zu tun. «Ich bin halt so», denkt er. Für die Liebe eines Mannes zu anderen Männern, dafür kennt er noch keinen Begriff.

 

Während die NSDAP die Macht übernimmt, geniesst er das pulsierende Leben auf den Tanzböden, findet einen toleranten Freundeskreis und die erste grosse Liebe, Werner. 1934 inszenieren die beiden eine Art Hochzeitsfeier auf einem Bauernhof, mit dabei Rudolfs Mutter und weitere Familienangehörige. Mutig oder naiv? Die systematische Verfolgung der Homosexualität als «gründliche Säuberung des Volkskörpers von dieser Pest» ist bereits im Gang. Nachdem Hitler den schwulen SA-Führer Ernst Röhm erschiessen liess und der Paragraph 175 verschärft wurde (neu waren unter Gleichgeschlechtlichen bereits Küsse und anzügliche Blicke strafbar), setzte eine Welle von Razzien und Verhaftungen ein.

Ein Foto von einer Velotour wird Rudolf schliesslich zum Verhängnis. Sein Freund Werner sitzt bereits im Gefängnis, aufgrund einer Wohnungsdurchsuchung wird auch Brazda verhaftet. Nach einem Monat des Verleugnens ringt er sich zu einem Geständnis durch. Lieber wolle er den Freitod wählen, als sich sexuell umzustellen. Es folgt der Prozess. Mit einer Haftstrasse und einem Landesverweis kommt Brazda vergleichsweise glimpflich davon.

 

Überleben im KZ

 

Als er daraufhin nach Karlsbad auswandert, kommt es ihm fast vor, als fahre er ins sagenumwobene Paris, die Stadt seiner Träume, wo Josephine Baker die Cabarets füllt. Mit einer Theatertruppe zieht er als Baker-Imitator durch Böhmen. Doch bald heulen die Sirenen, die Panzer kommen näher. 1941 wird er zum zweiten Mal verhaftet, diesmal fällt die Strafe härter aus. Im Prozess wird er zum unzüchtigen Verführer stilisiert. Er verbreite die Seuche der Homosexualität besonders schamlos, heisst es im Urteil.

In einem Lastwagen, mit Handschellen an Mithäftlinge gefesselt, wird Brazda ins KZ Buchenwald transportiert. Die Worte auf der Gittertür sind so zynisch wie der «Arbeit macht frei»-Schriftzug in Auschwitz: «JEDEM DAS SEINE».

 

In der «Badeanstalt» werden die Häftlinge desinfiziert, persönliche Gegenstände beschlagnahmt, die Würde bleibt draussen. Brazda muss sich den Rosa Winkel an die Uniform nähen, er erhält die Nummer 7952. Vor ihm trugen sie fünf andere Häftlinge, die bereits tot sind. Als Träger des Rosa Winkels steht Brazda am untersten Ende der Lager-Hierarchie, muss im Steinbruch Schwerstarbeit verrichten. Seine erschossenen Kameraden trägt er am Abend ins Lager zurück. Er selbst arbeitet sich hoch. Mehrere der Aufseher verlieben sich in ihn, ein Bündnis zwischen Schutz und Missbrauch. So entgeht Brazda den Todesmärschen, den Morden und Menschenversuchen. Er erlebt die Befreiung, von einem Freund im Schweinestall versteckt.

 

Neue Freiheit, lange Schatten

 

Im Elsass beginnt Rudolf Brazda ein neues Leben in Freiheit, findet eine neue grosse Liebe. «Ich hatte immer wieder Glück, der Lebenslauf, das Schicksal, das hat so sein sollen. Wahrscheinlich, weil ich verständnisvoll bin und sehe, was andere an Bösartigkeit in sich tragen. Da schaue ich drüber weg», sagt er rückblickend. Er sei fast schon stolz gewesen, den Rosa Winkel zu tragen, «so eine schöne Farbe…» Doch Brazdas scheinbare schalkhafte Naivität war nichts anderes als eine knallharte Überlebensstrategie. Viele wurden getötet, viele für immer gebrochen. Das Fazit von Walter Schwarze, inhaftiert im KZ Sachsenhausen, lautet in einem bewegenden Kurzfilm von Rosa von Praunheim: «Ich habe umsonst gelebt.» Rudolf Brazda sagt: «Das Glück kam immer zu mir.»

 

Er war Opfer und Überlebender zugleich, hat sein Vertrauen und seine Hoffnung nie verloren. Das Treffen mit Alexander Zinn erweist sich beim Lesen seiner Biografie als weiterer Glücksfall: Behutsam nähert sich der Soziologe der erschütternden persönlichen Geschichte, ergänzt sie aber auch mit sorgfältigen Recherchen und Archivmaterial.

 

Am 27. Juni 2008 besichtigt Brazda das Mahnmal in Berlin, vier Wochen nach der Einweihung, während in den Strassen eine andere Generation den CSD feiert. An seiner Seite: Klaus Wowereit, Berlins offen schwuler Bürgermeister, soeben wiedergewählt. Der Film im grauen Steinblock, ein unendlicher Kuss zwischen zwei Männern, gefällt Brazda nicht. «Wie sie die Homosexuellen immer gequält und aufgehängt haben, mit den Händen auf dem Rücken zusammengebunden und hochgezogen. So etwas hättet ihr zeigen sollen.»

 

Mehrmals wurde seither das Mahnmal beschädigt. Paragraph 175 wurde erst 1969 gestrichen. Rudolf Brazda erhielt nie eine Entschädigung. Ein Interview mit ihm auf YouTube erhielt die Video-Antwort «Why Homosexuality should be banned», bis heute 1‘597‘908 mal angeklickt. Über die Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller unter dem Nazi-Regime war lange Zeit eine Decke aus Schweigen und Tabuisierung gelegt. «Das Glück kam immer zu mir» bricht dieses Schweigen. Ein Buch, das man lesen muss – und glücklicherweise nie vergessen wird.

 

Alexander Zinn

«Das Glück kam immer zu mir»

Rudolf Brazda – das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich

Campus Verlag

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