Wenn man discominiert wird

15 Feb 2015

Kolumne Michi Rüegg vergisst manchmal, sich diskriminiert zu fühlen

 

 

«Schwule in Trendlokal unerwünscht», titelte der Tages-Anzeiger Mitte Dezember. Anlass dafür bot folgende Szene: Der Zürcher Gemeinderat Alan David Sangines wollte ins Palavrion, ein eher untrendiges Stück Nachtleben von anno dazumal, das zum Mövenpick-Konzern gehört. Ein Türsteher soll ihn freundlich gebeten haben, sich zu verpissen, und zwar «in einen Schwulenclub, du Wichser». Eine wirklich diskriminierende Aussage, bedenkt man, wie bescheiden die Auswahl an Gayclubs auf dem Platz Zürich derzeit ist.

 

Nun kann man der Meinung sein, das man sowas nicht tut. Ich meine ins Palavrion gehen. Schliesslich spukt in diesen Räumen noch immer der Geist von Patty Boser, die dort in den Neunzigern regelmässig via TeleZüri die grauenvollsten Singles des Schweizer Mittellandes verkuppelt hat. Das waren ganz schlimme Zeiten damals.

 

Man kann aber auch die Ansicht vertreten, dass es sich heutzutage nicht schickt, einem homosexuellen Mitmenschen den Zugang zu einem Lokal zu verwehren. Ich war geneigt, mich letzterer Meinung anzuschliessen, als mich ein Journalist des Tages-Anzeigers anrief und um eine Einschätzung bat. Danach gefragt, setzte ich zu einer halbstündigen Schimpftirade über Türsteher als solche an. Das ist nicht so schwer.

 

"Türsteher sind ein Ausrutscher der Evolution"

 

Türsteher sind ein Ausrutscher der Evolution. Sie besitzen den durchschnittlichen Intelligenzquotienten von mongolischem Steppengras, sind aber weniger nütz- lich. Ich habe es offen und ehrlich gesagt: Ich gehe nicht gern in Clubs, die von grunzenden Fleischklopsen mit frühkindlichen Entwicklungsdefiziten behütet werden.

 

Der Artikel erschien. Ich will mich nicht dazu äussern, ob er gut war. Wenn irgendwelche Menschen – ich eingeschlossen – in Zeitungen ihre Mei- nung über Vorfälle kundtun, die sie nur vom Hörensagen kennen, schaut selten etwas Prächtiges dabei raus.

 

Der Artikel erschien, und ich hab Haue gekriegt. Von meinesgleichen, in aller Öffentlichkeit – also auf Facebook. Ich wurde kritisiert, weil ich den Vorfall zu wenig deutlich verurteilt hätte. Ich

habe den Türsteher dafür verantwortlich gemacht, stattdessen hätte ich die Gesellschaft anprangern sollen. Nicht der Gorilla war schuld daran, sondern der Dschungel. Nicht der Depp hat den Schwulen weggewiesen, sondern die Menschheit als solche. Ich bin mir nicht sicher, vielleicht hätte man sogar der KESB die Schuld in die Schuhe schieben können, die ist ja im Moment für alles verantwortlich.

 

Doch manchmal mache ich es mir zu einfach. Vielleicht bin ja ich selbst das Problem. Es musste einen anderen Grund geben. Also bin ich in mich gegangen. Und mit Schrecken habe ich festgestellt: Es gibt Tage, da vergesse ich fast, mich diskriminiert zu fühlen. Manchmal rückt meine Grundwut auf die heteronormative Gesellschaft angesichts anderer alltäglicher Gedanken völlig in den Hintergrund. Ich bin dann so unsensibel, dass ich all die bösen Blicke meiner Millionen Mitmenschen gar nicht mehr wahrnehme, die mich meiner Sexualität wegen verurteilen. Ich spüre ihn oft gar nicht mehr, den omnipräsenten blinden Hass meiner Arbeitskollegen, Verwandten und der Nachbarn, die mich im Treppenhaus mit scheinheiliger Freundlichkeit grüssen. Ich bin einfach zu blöd, die Diskriminierung wahrzunehmen, der ich 24 Stunden am Tag ausgesetzt bin. Vielleicht habe ich mich zu sehr daran gewöhnt, dass ich als Homosexueller in dieser Gesellschaft Abschaum bin.

 

Jetzt, da wir diesen Punkt geklärt hätten, zurück zum Palavrion. Damit nicht wieder alle auf mir herumhacken, will ich betonen: Ja, es war unter aller Sau, was Alan wiederfahren ist. Aber man muss die Dummheit einzelner In- dividuen nicht zum gesellschaftlichen Symptom erheben.

 

Dass nämlich ausgerechnet einem Türsteher so viel mediale Ehre wieder-fährt ist im Grunde diskriminierend gegenüber dem nichtürstehenden Rest der Gesellschaft 

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