Brücken, Balladen und ein Bart

18 May 2015

ESC Warum Conchita in Wien ihre Krone nicht wirklich abgeben wird

 

Weihnachten fällt für ESC-Fans diesmal auf den 23. Mai. Süssigkeiten, hübsch verpackte Enttäuschungen. Ein traditionelles Familientreffen mit alten Bekannten und gewohnten Melodien. Skandale bleiben bei der 60. paneuropäischen Jubiläumskreuzfahrt durch seichte musikalische Gewässer weitgehend auf der Strecke. Ein Blick zurück und nach vorne.

 

Eine ergreifende Botschaft für Europa, das Highlight an jedem CSD zwischen Manchester und Madrid, ein Song, von dem keiner genug kriegen konnte. Über Conchitas Triumph war noch kaum Bart gewachsen, als bereits die Suche nach ihrem Nachfolger begann. Während Königin Wurst weiterhin auf ein Album warten liess, werkelten potenzielle Thronfolger bereits fleissig an ihren Beiträgen. Für die ESC-Fangemeinde begann mit den Vorausscheidungen die Adventszeit, immer wieder öffnete sich ein Türchen mit einer Überraschung.

 

Die grösste kam mit der einmaligen Teilnahme zum 60. Jubiläum aus Australien. Down Under ist die ESC-Begeisterung seit der ersten Ausstrahlung vor rund 30 Jahren immens. 1996 vertrat die Australierin Gina G. Grossbritannien und kurbelte den Hype weiter an. Vor zwei Jahren in Malmö eine Videobotschaft aus Sydney, 2014 ein australischer Pausenact, die offizielle Kandidatur ist bestens aufgegleist... Nur im unwahrscheinlichen Fall eines Aussie-Siegs wird auch 2016 wieder ein Song ins Rennen geschickt, der Wettbewerb müsste dann allerdings in einer europäischen Stadt ausgetragen werden.

 

 

 

Neben erstauntem Lob und hohen Erwartungen (Savage Garden? Sia?? Kylie???) wurden auch einige kritische Stimmen zur musikalischen Erweiterung Europas auf den fünften Kontinent laut. Doch gemäss Reglement muss ein Teilnehmerstaat lediglich Mitglied der European Broadcast Union sein, ansonsten wären auch der dreimalige Sieger Israel, Aserbaidschan oder Marokko (1980 einmal dabei) aussen vor geblieben. EBU-Präsident Jan Ola Sand bezeichnete Australiens Teilnahme als «sehr gewagten und sehr bewegenden Schritt». Dass weitere Schritte in eine ähnliche Richtung folgen, ist nicht ausgeschlossen: Auch in Neuseeland, Mexiko oder Südafrika besteht durchaus Interesse.

 

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass einschneidende und umstrittene Änderungen für Europas grösste TV-Show (150 Millionen Zuschauer) nichts Neues sind. Die politisch bedingte Osterweiterung seit 1994, Abschaffung des Live-Orchesters und Einführung des Televotings, die «Free Language Rule» ab 1999 oder die Aufteilung in zwei Semifinale ab 2008: Was früher Grand Prix Eurovision de la Chanson hiess, dann Eurovision Song Contest und heute twittertauglich ESC, hat sich in 60 Jahren immer wieder verändert und dadurch nichts an Faszination eingebüsst.

 

Neuer Teilnehmer, alte Rezepte

 

Manche Regeln halten sich allerdings hartnäckig, weiterhin sind weder Tiere noch unter 16-Jährige erlaubt, maximal sechs Personen auf der Bühne, keine politischen Botschaften. Australien revolutioniert den Wettstreit also nicht mit Kängurus und Kinderchor, sondern fällt mit dem smarten Sonnyboy Guy Sebastian und einer stromlinienförmigen Uptempo-Ballade im Teilnehmerfeld  kaum auf. Höchstens die Verwechslungsgefahr zwischen Austria und Australia dürfte während der Punktevergabe für etwas Verwirrung sorgen.

 

 

So chaotisch wie 1963 wird’s aber hoffentlich nicht, damals verstand der BBC-Moderator den norwegischen Juror partout nicht, nachträglich wurden Punkte statt der Schweiz dem Nachbarn Dänemark gutgeschrieben. 2012 nutzte Anke Engelke das Verkünden der Resultate als Plattform für ein so charmantes wie bestimmtes Demokratie-Plädoyer. Die aufgebrezelten «Douze Points»-Verteilenden vor nationalen Denkmälern haben längst Kult-Status und werden auch in Wien für manchen mehr oder weniger gewollten Lacher sorgen. Doch bevor es wieder heisst «It was a wonderful Show tonight» zurück zu den aktuellen Kandidaten.

 

Neben Australiens Guy wird das eine oder andere Sahneschnittchen aufgetischt, leider meist arg fantasielos. Italiens «Il Volo» präsentieren eine bittersüsse Delikatesse mit internationalem Schmelz, das Trio war immerhin schon mit Barbra Streisand auf Tour. Frankreich dreht das Rad zurück und versucht für einmal gar nicht erst, es neu zu erfinden, setzt nach einigen gestrauchelten Hyper-Hipstern wieder auf traditionellen Chanson, Schlachtfeld-Hymne statt Dancefloor-Heuler. Selbst Russland gibt sich nach angekündigtem Boykott versöhnlich, besingt mit gefälligem Pop made in Sweden fast schon heuchlerisch die Vielfalt der Stimmen und den friedlichen gemeinsamen Traum. Zwischenfazit: nett produzierte Déjà-vus in Serie.

 

Solide Brücken, übergrosse Fussstapfen

 

Über weite Strecken scheint der diesjährige ESC ein unspektakulär glattrasiertes Familienfest aktueller Chartstürmer zu werden. Lordes Bruder lamentiert in Belgien und trifft dabei auch noch Lady Gaga auf einen Sirup, David Guettas Göttibub aus Texas houst jetzt in Schweden und Nelly Furtados Cousine hüpft durch Albanien, während die Mumfords in Litauen einen verlorenen Sohn und Sia auf Malta eine Seelenverwandte gefunden haben. Dazwischen ein Meer aus dramatischen Cinemascope-Balladen und schwülstigen Duetten, darauf ein paar schmissige Sommerhit-Surfer. Rasch ein Tränchen verdrückt für den bombastischen griechischen Liebeskummer oder Ungarns zartes Anti-Kriegs-Plädoyer, schon bringen Dänemark und Holland mit ihren sonnigen Feelgood-Refrains die gute Laune zurück.  Ein einsamer Wolf aus Aserbaidschan kann nicht schlafen, ein zypriotischer Pfadfinder zupft am Lagerfeuer für die Geliebte. Doch die Emotionen bleiben Schablonen, die Ideen Imitate.

 

«Building Bridges», das diesjährige Motto, haben sich einige zu sehr zu Herzen genommen, die musikalischen Gewässer unter all diesen durchdacht konstruierten Brücken sind gar seicht und sanft. Wo sind die Überflieger und Untiefen, die Paradiesvögel und die hässlichen Entlein? Als traute sich keiner, in die übergrossen Wurst-Fussstapfen zu treten. Island, Irland oder Polen? Austauschbar wie nie zuvor. Immerhin bleibt Montenegro dem Erfolgsrezept folkloristischer Schmachtfetzen treu, Georgien dem knapp aussichtslosen Konzept zwischen Kunstanspruch und Ohrensausen, San Marino dem Untergangskommando unter Kapitän Ralph Siegel. Diplomatisch eingemittet in innovativer Songstruktur und raschem Vergessen strandet der helvetische Beitrag von Mélanie René wohl im Mittelfeld. Mit der schweizerisch-norwegischen Doppelbürgerin Debrah Scarlett haben wir allerdings ein zweites hoffnungsvolles Ass an Deck. Eine Sirene, neben der etwa Deutschlands zweite Wahl nach dem Eklat in der Vorausscheidung, Ann-Sophie, eine laue Selah Sue-Kopie, oder Grossbritanniens abgestandener Electroswing ziemlich altbacken aussehen.

 

 

Bunte Erinnerungen, blasse Favoriten

 

Favoriten sind kaum auszumachen im diesjährigen Goldfischbecken, auch der allseits hoch gehandelte Schwede tritt bisher eher als Hochleistungsschwimmer denn als Sympathieträger in Erscheinung. Doch da gibt es noch ein paar Inseln, die es genauer zu erforschen gilt. Israels Nadav Gudj etwa, der mit «Golden Boy» zum ersten Mal einen englischen Text gekonnt mit orientalischen Rhythmen zu einem auffälligen Ohrwurm verstrickt. Oder Estland und Slowenien, die leichtfüssigen und überaus charttauglichen Vintage-Pop auf Lager haben. Nicht zu vergessen Finnland, dessen Punkrocker mit Down-Syndrom ziemlich schroff ins Seichte ragen.  

 

Die Live-Performance wird entscheiden, wer am 23. Mai Herzen erobert und über die Siegerbrücke in der Wiener Stadthalle schreitet. Zum 60. Jubiläum darf man natürlich auch etwas nostalgisch werden und auf einige legendäre ESC-Momente zurückblicken. Auf 1956 etwa, als uns die unverwüstliche Lys Assia in Lugano mit «Refrain» zum allerersten Sieg trällerte. Im Folgejahr machte der Däne Gustav seiner Duettpartnerin einen Heiratsantrag und küsste sie während elf Sekunden, weil ein Assistent das Zeichen zum Abbruch vergass. 1968 kaufte sich Spanien angeblich den Sieg, um den Tourismus anzukurbeln, 1969 gab es nach Punktegleichstand ganze vier Sieger. 1974 läutete ABBAs Waterloo eine neue Ära ein und in Portugal löste die Radio-Ausstrahlung des Eurovisions-Liedes eine Revolution aus. Céline Dions Sieg 1988, Gunvors skandalträchtige Nullnummer zehn Jahre später in Birmingham, wo die transsexuelle Dana International den Pokal abräumte… Unvergessliche Momente, unsägliche Skandale. Doch dann kam Frau Wurst und stellte alles Bisherige in den Schatten.

 

2015 nun steht uns wohl eine ganz klassische Eurovisions-Feier bevor, die in Erinnerung gehen könnte als der Abend, an dem die weiterhin überragende und jetzt schon legendäre Königin Conchita eine unvergessliche Party schmiss, auf der irgendein Prinz einen Blumentopf gewonnen hat und auf der wir allen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz so viel Spass hatten wie noch nie. Also wie jedes Jahr am ESC, dem «Happiest Weekend of the Year», wie er in Australien auch genannt wird. 

 

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