Bötschi klatscht: Wie viel Farbe verträgt ein Mann?

31 May 2016

 

Stilettokönig Christian Louboutin wurde im «Stern» gefragt:  «Wie viel Farbe verträgt ein Mann, ohne wie ein Clown auszusehen?» Antwort: «Je exzentrischer die Person, desto bunter die Schuhe.» Genau, diesmal geht es um Mode.

 

Alkohol. Drogen. Politik. Outing. – Ach, du meine Güte, die drei letzten Kolumnen hatten es in sich. Ein Herr namens Eiss kommentierte deswegen auf Facebook: „Tja, zu viel Schnee zerstört das Hirn wohl doch ... “ Dabei hat es vergangenen Winter doch fast nie geschneit. Eiss hofft nun, «das Cruiser-Magazin ziehe die Reissleine und schmeisse dieses Individuum [also mich, Anm. der Red.] raus».

 

Eiss betitelte mich im Weiteren als «Schmutzfink». Dabei trage ich keine Flügel. Und ich dusche auch jeden Morgen, bevor ich ins Büro radle. Wenn ich abends Badminton spiele, fliesst sogar zweimal am Tag Wasser über meinen Luxuskörper. Momoll.

 

Seit neuestem verwende ich zur Pflege meiner Haare übrigens das «Ei-Öl Nähr-Shampoo». «Tagi»-Journalist Thomas Wyss lobte das gelbe Wässerchen von der Firma Rausch in Kreuzlingen in einer Kolumne in derart blumigen Worten, dass ich nicht anders konnte und ein Fläschchen kaufen musste.

 

Wahrscheinlich wäre es an der Zeit, wieder einmal eine nette, saubere Kolumne zu schreiben. Ohne Drogen, ohne Politik. Nun gut: Ich trage gerne farbige Schuhe. Rote. Grüne. Blaue. Goldige. Ob ich deswegen exzentrisch bin? Das sollen andere beurteilen.

 

Früher setzte beim Mann ja höchstens die Krawatte Akzente. Mittlerweile dürfen wir auch farbige Brogues, Sneakers oder Slip-ons tragen. «Christian Louboutin, welche Schuhe gehen beim Mann gar nicht?» «Wissen Sie, was ich viel schlimmer finde als das falsche Paar Schuhe? Diese kurzen Socken, die Männer in ihren Sportschuhen verstecken. Gibt es etwas Unmännlicheres?» Nein, Herr Louboutin, ich bin da ganz bei Ihnen.

 

In den nächsten Monaten werden wir diese Söcklis wieder zu Tausenden auf den Strassen sehen. Leider. Schlimmer sind nur noch die Trekking-Hosen, die knapp bis zur Wade reichen. «Die machen kleine Männer winzig.» Ich würde sogar sagen, Herr Louboutin, diese 7⁄8-Hosen sind die Burka des Mannes. Sie machen augenblicklich und absolut unsexy.

 

Vielleicht tragen die Männer diese 7/8-Hosen ja nur, weil sie, verdammt noch mal, ihre Jugend zurück wollen. Aber stattdessen erinnern sie nur an eines: Das nächste grosse Ereignis im Leben dieses Mannes wird der Tod sein.

 

Den letzten Satz habe ich geklaut. Bei Benjamin von Stuckrad-Barre, aus seinem autobiografischen Roman «Panikherz». Es hat mich kürzlich durch den Tag begleitet. Sogwirkung total. Dann schob ich die 564 bedruckten Seiten von einer Minute auf die andere ins Gestell zurück.

 

«Ich wäre jetzt lieber knalledicht.» – Auf Seite 335 hatte ich genug von diesem versoffenen, zerdrogten Menschen, der wahnsinnig gut schreiben kann und sich dreht und dreht und dreht: «Also nahm ich die Stehlampe mit von Zimmer zu Zimmer ... im nächsten Zimmer die Stehlampe wieder einstöpseln. Das bald schon vertraute Hintermirher-Schleifgeräusch des Stehlampenstromkabels fördert im Flipperautomaten, der mein Kopf mittlerweile war ...»

 

Ich hätte mit Stuckrad-Barre gerne ein Interview gemacht. Tun, was gute Journalisten tun sollten: zuhören und Fragen stellen. Ich mailte ihm, mehrmals. Wollte ihn fragen, ob das Konzert von Noel Gallagher in Los Angeles wirklich das letzte grosse Ereignis vor seinem Tod war? Wollte mit ihm über die Schweiz(er) reden. Denn er schreibt im Buch seitenweise über uns(er Land).

 

Stuckrad-Barre antwortete nicht. Die deutschen Medien schreiben, er sei einer der besten Schreiber. Manche schreiben aber auch, er sei ein Arschloch. Nüchtern ist «Panikherz» irgendwann nur schwer auszuhalten.

 

Meine Lesetipp für diesen Sommer ist deshalb: «Weit über das Land». Der neue Roman von Peter Stamm. Ein toller Stoff. Ganz ohne Drogen. Also fast.

 

Bruno Bötschi

www.brunoboetschi.ch

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