Kolumne: Thommen zur Pride

3 Jun 2016

 

Es ist bei allen Ereignissen gleich: Je länger sie zurückliegen, desto schwammiger werden die Erinnerungen und umso abenteuerlicher die Interpretationen.

Aids ist zu einer „Erfindung der Pharmaindustrie“ mutiert, wie ich kürzlich im Internet gelesen habe. Dabei mussten die führenden Firmen damals erst zur Forschung geprügelt werden und die Politiker zu Zahlungen ebenfalls! («Die Regierung hat Blut an den Händen», hiess es damals.)

 

Der Christopher Street Day war ein einmaliges Ereignis, das politisch in Erinnerung behalten werden sollte. Auch eine Erweiterung auf einen «abwechselnden Christina Day» (München 2011) wäre so unsinnig, wie ein «Helvetio» oder eine «Wilhemina Tell».

 

Auch die Behauptung, «schon damals» hätten alle die Buchstabenmenschen dabei mitgemacht, ist so weltfremd wie ein «Jesus-Evangelium». Wir können sagen, dass Menschen in weiblicher und männlicher Kleidung oder als Androgyne da mitgemacht haben. Wir können sie nicht mehr fragen, «als was» sie sich damals gefühlt hatten, oder wer von ihnen Hormone konsumiert oder tatsächlich «geschlechtsangleichend» operiert worden ist.

 

Ich habe kürzlich ein Buch von Edmund White (1) gelesen, der schon in den 70er Jahren darüber geschrieben hat. Es ist interessant zu erfahren, dass es damals völlig irrwitzig war, Schwule mit «Power» in Verbindung zu bringen. Auch war die Szene gemischt mit Randständigen jeglicher Art (queers). Das Wort gay, das eigentlich «fröhlich» bedeutet, wurde gewählt, weil es weder einen kirchlichen noch einen kriminellen noch einen medizinischen Geruch mit sich trägt. Und aus diesen drei Disziplinen waren – vor allem die Männer – auch real bedroht. Anders als in anderen Breitengraden, waren Lesben in New York von Anfang an dabei – und dann auch während der Aids-Krise.

 

Um jetzt der politischen Korrektheit einen Fünfliber in den Opferstock zu spenden: Natürlich besteht ein gemeinsames politisches Interesse aller, die traditionellen Dualitäten aufzubrechen und die Vielfalt der Realitäten sichtbar zu machen. Dabei können die einen den anderen helfen und Tipps geben, sie aber weder vertreten noch für sie reden. Und letztlich sind die Interessen auch sehr verschieden.

 

Worüber sich die queeren Buchstabenmenschen aber noch nicht ganz klar geworden sind: Die «Mehrheit» schlägt zurück. Sei es mit Bischof Huonder in Fulda, oder durch eine konvertierte Katholikin mit einem Buch über die «globale sexuelle Revolution», das sie noch Papst Benedikt XVI. persönlich überreicht hat, und anderen mehr.

 

Auch die Mehrheit der mehr oder auch weniger homosexuellen Männer schlägt zurück – schon von Anfang an. Diejenigen, die, gefangen in ihrer heterosexuellen Kultur, nur ab und zu heiss auf Männer sind oder sich nur ganz bestimmte Praktiken zugestehen («ich brauche es heute», «bin nur aktiv») haben dadurch auch ihre Schwierigkeiten mit einem CSD. So ganz astrein hetero sind sie nicht und so ganz schwul würden sie sich auch nie einschätzen. Der Frust wird auf dem offen schwul Lebenden abgeladen. Dies sollten wir verstehen. Wir sollten uns aber nicht zum Schweigen verurteilen lassen, denn die offen Heteros/as feiern ja ihre Sexualität auch in kirchlichen Trauungszeremonien, in «Flitterwochen» und Kindstaufen. Schwierig wird es, wenn Homos den Heteros solches streitig machen.

 

Ich komme zum Hauptmissverständnis der ganzen «schwulen Revolution»: Keiner muss mit der Regenbogenfahne durch eine Stadt laufen und im Fummel oder in Militärkleidung oder als Master hinter seinem Dog Rechte einfordern! Und alle anderen «Betroffenen», wie betroffen sie auch letztlich sind, sollten vor allem aufhören, Schwule zu kritisieren. Jedem sollten wir in seiner «Diversity» seine Art des Auftretens ermöglichen. Über den Sinn der Erscheinungen kann aber durchaus gestritten werden.

Weil die Homosexualität (Kinsey) bis tief in «offen heterosexuelle» Kreise hineinreicht, weil sie ein Teil davon ist, sollten wir uns weder von den Schrankschwulen, noch den Demo-Heteros (grosse Kinderzahl, oder Promi-Serie-Ehen) einschüchtern lassen, es gäbe dort auch einiges zu kritisieren.

 

Wir müssen damit leben, dass es Männer gibt (nur für die kann ich sprechen), die ganz konventionell leben und eine Familie bilden wollen, mit ein paar Mauselöchern natürlich. Andere wollen nur in bestimmten Augenblicken an andere Männer ran, den Rest bleiben sie bei ihrer Frau («das soll auch so bleiben!»). Andere wiederum leben in einer Männerbeziehung und wiederum andere in keiner Beziehung. Die grösste Gefahr aber geht für die Gesellschaft und die Heterosexualität wie auch für Ehefrauen von den «ungebundenen» Männern aus. Denn Gebundenheit erzeugt die Illusion von Sicherheit. Bei allen Menschen.

 

 

 

1)  White, Edmund: Die brennende Bibliothek. (Essays, Erinnerungen, Gedanken und Buchbesprechungen) 1994, Kindler 1996, 475 S. (vergriffen > Schwubliotheken/antiquarisch)

 

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