Mirko über sein Spiegelbild

29 Sep 2016

 

 

 

 

In der S3 zur Arbeit macht sich Mirko Gedanken über sein Spiegelbild, den Umgang unter uns Schwulen und weshalb man nicht immer nett sein kann.

 

Da sitz ich also jeden Morgen im Zug, meistens in der S3 zur Arbeit. Voller Zug, aber jeder über sein Handy gebeugt oder dann hinter diesem einen Gratisblatt versteckt. Da, wo meine Eltern herkommen, reden die Leute miteinander, ist mir gerade wieder in den Ferien aufgefallen. Ja, vor sieben morgens wahrscheinlich auch weniger. So geh ich auch durch dieses Gratisblatt und staune: Schweizer Jungs sind eifersüchtig auf uns, weil wir cooler sind. Ja klar sind wir cool. Wir müssen ja auch nicht sitzen zum Pissen, wie die armen Švicarski. He, geht gar nicht. Kann sich jemand vorstellen, dass ein Schweizer mit rosa T-Shirt macho aussieht? Ich nicht. Bei uns klappt das. LOL.

Aber warum sind Schweizer eifersüchtig, wenn wir cool sind? Logisch sehen wir geil aus. Isch harti Arbeit, das. Aber freut euch doch, dass ihr was Schönes zu sehen bekommt. Wir tun’s ja auch für euch. Ja, auch für uns, natürlich. Ich muss ja schliesslich am Morgen als Erstes uf lääre Mage mich selbst im Spiegel aaluege. Und wenn der im Spiegel Scheisse aussieht, dann wär’s das dann auch gewesen für diesen Tag. Also besser am Aussehen rumwerkeln. Dafür ist’s mir auch wert, dass ich meine Freizeit im Fitness verbringe und jeden Samstag zum Frizer renne.

 

So denke ich dann in der S3 schon etwa: Gut, dass mich nicht der da rechts oder der Andere zwei Abteile weiter aus dem Spiegel aagluegt hat heute Morgen. Das wär gar nöd gange. Bös, he? Ich kenn’ die bitchy Bemerkungen in der Szene. Zu klein, zu dick, zu alt, z wiiblich. Ja klar. Immer bin ich denn au nöd nett, chasch gloube! Ich hab auch schon laut gesagt, was ich da eben vorhin in der S3 nur gedacht habe. Immer nett sein, das wäre auch uncool, also bin ich auch öfters grob. Ich weiss, das ist Scheisse, aber gehört auch irgendwie zum Leben. Ich muss auch einstecken. Blöd angemacht wurde ich auch schon und es gab’s auch schon, dass ich dann einen Tag lang oder wenigstens ein paar Minuten mich selbst down fühlte. Auch das gehört zum Leben.

Immer nätt si, ist halt wie sitzen zum Pissen. Uncool. Wenn einer ein Asshole ist, dann sag ich das auch und wenn einer mir blöd kommt, dann kriegt er was zurück.

 

Doch isch es au nöd cool, überhaupt nöd, im Stehen absichtlich neben das Klo zu pissen. Das ist etwa sgliiche wie blödi Sprüch zmache, nur um eine abezmache. Wie gseit, ich muss mir ja am Morgen im Spiegel in mein eigenes Gesicht schauen. Und ich sehe nicht besser aus, nur weil ich jemanden zur Sau gemacht habe. Wenn dir aber der im Spiegel nicht gefällt, bin i nöd schuld. ­– Na ja, ausser vielleicht, weil du von mir gerade einen frechen Spruch an den Kopf gekriegt hast. Aber sogar dann musst du letschtändlich mit dir selber klarkommen.

 

Ab und zu stehe ich dann vor dem Spiegel, check meine Augenbrauen, drück meine Haare in Form und dann denke ich: Während ich mich hier zurechtmache und viel Zeit brauche... diese Zeit nutzt der andere, den ich schräg angeschaut habe, weil der komplett aus der Form geraten ist, um Sex zu haben. Der macht jetzt grad einen Typen klar und ich zupfe mir meine Brauen. Beides cool, für mich stimmt’s, ich hoffe für den andern auch.

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