Ich will nicht schöner wohnen!

27 Jan 2016

 

Cruiser-Kolumnistin Marianne Weissberg weiss: Zuviel Schöner-Wohnen-Heftli-Lesen kann Ihren Wohngeschmack ruinieren! Und zeigt hier als Beweis die unbequeme Wahrheit.

 

Jetzt möchte ich mich hier mal über Schöner-Wohnen-Hochglanz-Heftli aufregen: Da wohnen schöne Menschen drin, die inmitten ihres schönen Mobiliars sitzen. Wie gekauft und nicht abgeholt. Es sind «glückliche» Familien mit zwei Kindern und einem Labrador. Alle blond, alles und alle lächerlich aufgeräumt. Schlimm in Erinnerung bleibt mir der schöne (blonde) Joop-Familienclan in seiner Potsdamer-Villa posend. Bis die schöne Mischpoche sich nach dem Tod der Mama wegen der Villa und dessen Inventar bis aufs Blut bekriegte. Joop war danach so pleite und fertig, dass er mit Hörgerät beim Klum Heidi als Juror mitmachen musste.

 

Immer öfter zeigen diese Schöner-als Sie-Wohnen-Redaktionen auch Heim-Reportagen, in denen dann ein Teil eines Schwulen-Paars thront. Meist wohnen die schön in Long Island oder in Berlin. Nie in Schwamendingen. Die Partner werden jedoch nie zusammen vorgeführt, fällt mir auf. Das würde wohl Lissy Müller & Peter Muster verschrecken, die solche Magazine kaufen sollen. Man will höchstens andeuten, dass es irgendwo da draussen so verstörend schöne und andersartige Menschen gibt. Lesben-Paare gibt es in diesen Hochglanz-Heftli sowieso nie. Zwei furznormale Lesben kann man halt nicht so gut mit einer blitzsauberen Wohnfotostrecken kombinieren. Auch Menschen in Rollstühlen kommen nicht vor. Auch keine Erfolglosen/Arbeitslosen. Denn sonst müsste man diese Wohnreportagen im popeligen Pfuus Bus von Pfarrer Sieber drehen. Oder bei mir zu Hause. Ich wohne nämlich nicht im üblichen Wohnsinn schön und bin leider völlig glamourlos.

 

Trotzdem behaupte ich, dass ich besser wohne als die Leute, die sich Mobiliar kaufen wie in den Heftli abgebildet: riiesige Esstische, daran die obligaten Vitra-Stühle, wild verdrahtete Leuchten, Sofalandschaften, grösser als Supertanker, Sessel aus 500-jährigem, knallfarbig angemaltem Schiffswrackholz, mit den Füssen geknüpfte Bio-Bangladeshi-Teppiche. Das Schlimmste, was ich neulich besichtigte, war das neugeschteilte Wohnesszimmer einer Freundin. Alles, was kuschlig und gut eingesessen war, schmiss der hirnverbrannte Designer raus und stellte ein übles Chrüsimüsi an sterilem Design-Mobiliar rein. Es sieht bei ihr nun aus wie im Therapieraum der Anonymen Sexsüchtigen. Mir wurde auf der Stelle schlecht. Von dem dafür rausgeschmissenen Geld hätte ich mein eigenes, gutes Wohnmagazin kreieren können! Das Schlimmste ist: Bei der Veräppelten kann man jetzt keine gemütlichen Tupperware-Party mehr schmeissen, man würde sich ja die Füdliknochen brechen beim Sitzen. Dafür kommt sie jetzt in ein Wohn-Heftli als Paradebeispiel für vorher und nachher, allerdings nicht in meinem Sinne.

 

Wenn Sie also anders wohnen wollen, kaufen Sie keine Heftli, engagieren Sie keinen Einrichter, sondern kommen Sie mal zu mir zum Gucken. Genau das hat mein zweitbester, schwuler Freund gemacht. Danach meldete er, dass er sich das tupfengleiche Sideboard gekauft habe, weil es so schön bei mir aussah. Dieser Mann hat seinen guten Geschmack schon bewiesen. Ich vermutlich auch.

 

Tipp: Frau Weissberg weidet die Heftli aus und macht daraus Minimal-Wandkunst.  (Foto M. Weissberg)

 

www.marianneweissberg.ch

 

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