Des Schicksals Pudel

31 Jan 2016

 

Cruiser Kolumnist Michi Rüegg erinnert sich an die Farben der Hunde seiner Kindheit. Und denkt darüber nach, wie sich die gezielte Zucht auf Schwule und Lesben auswirken könnte. Und das erst noch in Pastell.

 

Neulich habe ich mich gefragt, ob ich schon als kleines Kind schwul war? Kindern wird ja in der Regel keine Sexualität zugestanden. Sie haben ein Geschlecht, aber mit Sex hat das nichts zu tun. Das ist aus Erwachsenenperspektive nicht ganz falsch. Es ist schon gut, dass die Themen Kinder und Sex nach dem Zeugungsakt für rund anderthalb Jahrzehnte von einander ferngehalten werden.

Gleichwohl ich als Kind zwar nicht homosexuell war, so war ich aber offenbar homo. Mir fiel nämlich unlängst ein, dass als kleiner Knirps mein Lieblingshund der aprikosenfarbene Pudel war. Das wurde mir gegenwärtig, weil auf Schwulengeschichte.ch, wo ich ab und zu stöbere, von einem holländischstämmigen Schauspieler die Rede war, der anno dazumal in Zürich meist mit einem Aprikosenpudel unterwegs war. Ein schönes Bild. Und ein seltenes. Denn während die Sichtbarkeit des Schwulen im öffentlichen Raum zugenommen hat, ist diejenige des Aprikosenpudels drastisch gesunken.

 

In meiner Kindheit, wir reden da von den frühen Achtzigerjahren, waren reifere Damen mit Pudeln noch ein häufiger Anblick. Und einige der Pudel leisteten sich die Extravaganz der aprikosenfarbenen Erscheinung. Aprikose ist eine Farbe, die in den Achtzigern noch relativ geläufig war. So hatten meine Eltern zwar keinen Aprikosenpudel, aber ein aprikosenfarbenes Schlafzimmer. Später hatten sie dann getrennte Schlafzimmer, in weiss. Das Steinobst war aus dem allgemeinen ästhetischen Empfinden verdrängt worden.

 

Das wirft unweigerlich die Frage auf, wohin denn all die Aprikosenpudel von damals verschwunden sind. Die Antwort: Sie sind tot. Und es wurden keine weiteren mehr produziert. Im Gegensatz zu Schwulen, die einfach so entstehen, wenn Heteros miteinander Sex haben, ganz egal in welcher Stellung, werden Hunde gezielt produziert. Nur, wenn die Nachfrage nach Aprikosenpudeln da ist, werden Herr und Frau Aprikosenpudel auf einander losgelassen, mit dem Ziel, weitere Exemplare ihrer Rasse und Farbe herzustellen. Anstelle von Pudeln wurden enorm viele Golden Retriever gezüchtet. Die sind beige, nicht aprikosenfarben. Das ist zwar farblich gar nicht so weit weg von Aprikose, denn auch der Aprikosenpudel sieht nicht ganz genau so aus wie eine Aprikose. Aber es ist eben weder das klassische Apricot, noch handelt es sich beim Retriever um einen Pudel. Aus ebendiesem Grund haaren Retriever auch viel stärker als Pudel, weil sie eben keine Pudel sind und Pudel ja nicht so deftig Haare lassen, was sie sehr pflegeleicht macht. Sie riechen auch nicht so streng. Vielleicht wirken sie deshalb recht schwul, weil sie gepflegter sind als andere Hundchen. Zudem gelten sie als freundlich und können wie kaum andere Hunde lustige Tricks erlernen.

 

Zurück zu den Schwulen, die nicht gezüchtet werden, sondern einfach so innerhalb der Gesamtpopulation auftauchen – obwohl Putin, Erdogan und die arabische Liga das vermutlich anders sehen. Für eine Art ist das zufällige Erscheinen ein möglicher Garant dafür, dass sie nicht ausstirbt. Würden Schwule gezielt gezüchtet, gäbe es vielleicht mal wahnsinnig viele von uns, weil es unter Eltern gerade total schick ist, ein schwules Kind zu haben. Und ein paar Jahre später wären dann wieder Heterobuben im Trend, und keiner würde mehr einer süssen kleinen Schwuchtel die Windeln wechseln wollen. So ist das mit Trends. Sie kommen und gehen.

 

Im Falle des Aprikosenpudels ist das ein Jammer. Zumindest wir als geschundene Randgruppe hätten doch ein Herz für den armen kleinen Kerl entwickeln müssen. Aber auch vor uns machen die Trends eben nicht halt. Den Dreireiher in Tweed mit Budapester Schnürern haben die meisten Homosexuellen längst gegen Daunenweste, Jeans und Sneakers eingetauscht. Statt sorgfältig pommadiert, werden die Haare kurz geschoren. Und anstelle des Aprikosenpudels latscht halt ein Jack Russel nebenher.

Ich frage mich manchmal, wie das eigentlich bei Regenbogeneltern wäre, wenn sie wählen könnten. Wenn jemand die beiden lesbischen Mamas fragt: Hättet ihr gerne ein Mädchen oder ein Bübchen? Und soll es gay oder hetero sein? Hätten diese Eltern die Wahl, würden sie wohl in einem Dilemma stecken: Will man ein schwules oder lesbisches Kind, würde dies unter Umständen als Beweis angesehen werden, dass gleichgeschlechtliche Eltern nicht fähig sind, heterosexuelle Kinder grosszuziehen. Wünscht man sich jedoch zum Beispiel ein Hetero-Mädchen, bringt die kleine Schlampe als Teenager bloss irgendwelche beschissenen Schwanzträger nach Hause. Bei Männerpaaren dasselbe in grün: Statt sich als 16-Jähriger mit den Pimmeln seiner Mitschüler zu beschäftigen, würde Yannick bloss dicken Brüsten hinterhersabbern. Als Eltern fragt man sich dann: Was haben wir bloss falsch gemacht?

 

Schlimm wäre, wenn man gleich noch die Farbe des Kindes bestimmen könnte. Man stelle sich mal vor, all ein Maturfoto mit dutzenden aprikosenfarbenen jungen Männern.

Es bleibt die Hoffnung, dass das Verschwinden des Aprikosenpudels bloss eine Phase ist, aus der sich der verschwundene Pudel wieder herauswinden kann. Wer weiss, vielleicht wäre ich ohne ihn nie das geworden, was ich heute bin. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn all die alten Weiber Bulldoggen angeleint gehabt hätten. Womöglich wäre aus mir eine Lesbe geworden.

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