Kolumne: Hilfe, die Lesben sind los

18 Nov 2016

Michi Rüegg ist als Mann ein Täter und wird daher zum Opfer antischwuler Lesbenpropaganda. Eine furchtbare Geschichte.

 

 

Vor ein paar Wochen ging es mir so richtig gut. Dann las ich eine Medienmitteilung der Schweizer Lesbenorganisation LOS. Danach ging es mir so richtig mies. Auf gefühlten 5000 Zeilen erklärten mir die LOS-Frauen, warum ich ein verdammtes schwules Sexistenschwein bin.

 

 

In ihrem Pamphlet prangerten die Verfasserinnen den Umstand an, dass Lesben auch Frauen sind. Diese Tatsache war für mich nicht zwingend neu. Ich hatte bereits früher ab und zu den Verdacht, bei Lesben könnte es sich um Frauen handeln, obwohl man sich nicht in jedem Fall sicher sein konnte. Die Feststellung, dass Lesben Frauen sind, diente in besagter Mitteilung jedoch dem Zweck, einen noch gewichtigeren Umstand herzuleiten: Nämlich, dass Schwule Männer sind. Auch in diesem Punkt muss man der LOS wahrheitsgetreue Berichterstattung attestieren. Doch dann: Männer seien frauendiskriminierende und grapschende Monster. Tatsächlich führten die LOS-Frauen ins Feld, dass wir Schwulen in unserer Eigenschaft als Männer ja sowieso in den Genuss «bürgerlicher-heteronormativer» Privilegien kommen würden, derer sich die Männerwelt seit jeher grosszügig bedient.

 

Das muss man erst mal verdauen. Erinnern wir, die das können, uns doch an die berühmte Sendung «Telearena» vom 12. April 1978. Ich war damals zwar auch erst ein Jahr alt, aber einige Jahrzehnte später lief glücklicherweise eine Wiederholung. In dieser Sendung mussten sich Schwule alle Vorurteile der Welt anhören, von Studiogästen, die «uns» am liebsten direkt ins Fegefeuer gepeitscht hätten. Mittendrin meldete sich eine Lesbe. Sie klagte, dass immer nur über Schwule geredet werde. Das war irgendwie grotesk: Die Lesben wollten offenbar auch etwas mehr beleidigt und beschimpft werden, eben so wie wir. Vielleicht hätten sie auch gern gehabt, dass sie etwas häufiger auf der Strasse verprügelt, auf dem Bahnhofsklo erstochen oder – einige Jahrhunderte vorher – mit Holzpfählen durch den Anus aufgespiesst werden. Unsere Vorgängergenerationen von schwulen Männern mussten über Jahrhunderte den allergrössten Teil der Homophobie und Bigotterie einstecken. Während Frau mit Frau im Boudoir kuscheln konnte, hetzte man die Hunde auf Männer, die Männer liebten. Aber für die LOS-Lesben heisst das einfach: Wir haben alle Aufmerksamkeit gekriegt. Tatsächlich sagten die alten Strafgesetze selten etwas über Lesbensex. Todesstrafe gab es nur für Schwule. Wie ungerecht ist das denn!

 

Was ist es denn genau, das mich zum Sexistenschwein macht? Gemäss Einschätzung der LOS-Frauen ist das: mich vulgär ausdrücken. Abschätzig über weibliche Genitalien reden. Frauen anfassen und dann behaupten, man dürfe das ja als Schwuler. Schuldig im Sinne der Anklage. Habe ich alles bestimmt auch schon gemacht. Vor nicht allzu langer Zeit lachte ich über einen Witz eines Bekannten (eines katholischen Pfarrers, notabene), der mir in LOS-Kreisen wohl den Maximalhass beschert hätte, denn es kam darin ein weibliches Genital vor.

Schuld an allen Miseren der lesbischen Welt sind aber nicht nur wir schwulen Sexisten. Sondern auch die Medien. Immer und immer wieder zeigen sie nur uns. Die schrillen Tunten mit ihrem Makeup und dem Glumpert. Und nie die Lesben. Hat sich die LOS vielleicht schon mal gefragt, ob wir das wollen? Ob wir es schön finden, in diesen medialen Klischees gefangen zu sein? Vermutlich ja, schliesslich drängen wir uns ja bürgerlich-heteronormativ in den Vordergrund. Weil wir alle frauenhassende Narzissten sind. Und unsere Organisationen «nur privilegierte weisse Männer vertreten». Zu allem Übel habe ich also auch noch die falsche Hautfarbe.

 

Was also wollen die LOS-Lesben? Bessere Integration, ein herzlicheres, von Respekt geprägtes Miteinander? Nicht wirklich. Sie wollen einfach sichtbarer sein. Und sie wollen mehr Räume haben. Mit anderen Worten: Sie hätten gerne weniger Schwule.

Als ich noch ein junges Ding war, gab es in Zürich kaum Kontakt zwischen Schwulen und Lesben. Die Lesben liessen keine Männer an ihre Partys, Freundschaften zwischen Mann und Frau waren rar. In den letzten Jahren hat sich das verändert. Ich durfte in meinem privaten Umfeld immer mehr Lesben und bisexuelle Frauen kennen- und schätzen lernen. Schade, dass die Lesben von LOS das alles wieder kaputtmachen wollen, indem sie Gift gegen uns speien.

Und das alles bloss weil ich mal einen anrüchigen Witz über eine Mumu gemacht habe. Aber keine Sorge, liebe LOS-Frauen. Ich lache auch über Schwänze. Wenn ich nicht gerade unter Verzicht auf meine bürgerlich-heteronormativen Privilegien damit beschäftigt bin, sie zu lutschen.

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