Buchrezension: Jasper Nicolaisen - «Ein schönes Kleid»

23 Jan 2017

In Jasper Nicolaisens Roman «Ein schönes Kleid» wird ein schwuler Dauerbrenner thematisiert: Das Ergattern eines Kindes für ein schwules Paar.

 

Von Birgit Kawohl

 

Jasper Nicolaisen, Jahrgang 1979, deutsch, schwul, Übersetzer und Autor (bisher) von Fantasyliteratur, nimmt eigene Erlebnisse mit der Aufnahme eines Pflegekindes als Ausgangspunkt für seinen Roman, der – so stellt der Autor gleich im Vorwort klar – nicht als Ratgeber verstanden werden will. Ebenso wird betont, dass die Figuren keine realen Personen seien, aber angelehnt an ebensolche dargestellt würden. Nicolaisen will also unterhalten, warum nicht, in meinem Kopf entwickelten sich schnell absurde Szenerien rund um das Thema schwule Beziehung und «Kinderglück».

 

 

Das schwule Paar Jannis und Levi Winter will nach langen Jahren einer funktionierenden Beziehung ein Kind zur Dauerpflege aufnehmen. Nach dem Ausfüllen komplexer Formulare und nach mehreren Terminen beim Jugendamt gelingt dies auch, der kleine Valentin darf bei ihnen einziehen.

Schnell wurden die Erwartungen an eine unterhaltsamen Lektüre auf den Boden der Tatsachen bzw. des Romans heruntergeholt. Die Beziehung von Jannis – offenbar das Alter Ego des Autors – und Levi, vormals eine Frau, jetzt ein Mann, bleibt ebenso blass und flach wie die Figuren selbst. Von Levi erfährt der Leser kaum etwas, ab und zu fungiert er als Stichwortgeber, im Mittelpunkt steht eindeutig Jannis. Das wäre prinzipiell auch okay bzw. dies könnte gelingen, wäre denn diese Figur plastischer ausgeformt. Man erfährt meist Klischees und erlebt das Paar in Standardsituationen, welche zudem nicht besonders komisch geschildert sind, aber so wirken wollen. Wenn z. B. Jannis im Bus den Gurt des Kinderwagens nicht öffnen kann, haben sich die Mundwinkel der Cruiser-Buch-Rezenzentin nicht zu einem Grinsen verzogen...

 

Geradezu verstörend wirkte, dass der Hund des Paares, der zum Glück ziemlich schnell stirbt (bitte nicht missverstehen: wir alle lieben ja Hunde - also eigentlich), spricht, denn Jannis ist so einfühlsam, dass er Hunde und noch nicht sprechfähige Kleinkinder sprechen hören und verstehen kann. Da gab es doch mal einen Film mit John Travolta und Kirstie Alley, in dem das irgendwie besser unterhielt.*

 

Hinzu kommen die im Roman eingestreuten Fragen des Jugendamtes bezüglich der Eignung der Pflegeeltern und das darauf folgende Gejammer über die Gemeinheit, dass man als schwules Paar solche Fragen beantworten müsse.

 

Liebe Männer, die ihr Männer liebt, ihr mögt es kaum glauben, aber auch Hetero-Paare müssen sich einem solchen Fragenkatolog vom Jugendamt stellen. Ihr werdet hier – ausnahmsweise – nicht extra benachteiligt.

 

Fazit: Hier wurde ein vielversprechendes (schwul-queeres) Thema verschenkt, da der Autor offenbar selbst zu wenig Distanz hatte, um locker mit diesem umgehen zu können. Schade.

 

*Gemeint ist «Look who’s talking» von 1989.

Jasper Nicolaisen: Ein schönes Kleid. Roman über eine queere Familie. ISBN 9783896562470. 21.90 SFr.

 

Beispielsweise hier als Taschenbuch

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