Neu dürfen wir Blutspenden. Und werden ganz unerhört damit diskriminiert.

4 Feb 2017

Aus aktuellem Anlass (Schwule dürfen neu seit einigen Wochen auch Blutspenden): Michi Rüeggs Kolumne über das Blutspenden:

 

 

Das Kreuz mit dem Spenden

 

So mancher schwule Mann ist spendierfreudig. Etwa wenn ein Objekt seiner Begierde am Tresen steht. Manche von uns sind auch spendenfreudig, beispielsweise beim Sperma. So würde ich sofort jeder gebärfähigen Lesbe mit minimalem IQ ihren Kinderwunsch erfüllen, sofern sich das via Plastikbecher machen liesse und daraus keine weiteren Verpflichtungen erwachsen täten. Ist ja kein Aufwand, früher hab ich den hierfür notwendigen Vorgang sogar mehrmals täglich ausgeführt.

 

Etwas zeitaufwändiger als die Sperma- ist die Blutspende. Da wird nicht gerubbelt, da wird gestochen. Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal. Ich lag im Spital, den Arm ausgestreckt, während eine junge Dame mit der Nadel in der Hand verzweifelt meine schüchternen Venen aufzuspüren suchte. Sie liess mich unzählige Male eine Faust machen, bis sie letztlich eine ganz dünne Ader fand. Nach etwa 40 Minuten und einem halbvollen Sack Blut beendeten wir das Experiment. Das Sandwich und den O-Saft bekam ich trotzdem.

 

Mein erstes war auch mein letztes Mal. Ich wäre zwar jederzeit wieder für einen guten Zweck zum Aderlass zu motivieren gewesen. Aber meine guten blutspenderischen Absichten fielen den Umständen zum Opfer. Genauer gesagt: Dem Umstand, dass ich alsbald die körperliche Liebe entdecken durfte. Hierauf öffneten sich zwar die Pforten zur Hölle, es schlossen sich hingegen diejenigen der Blutspendendienste. So sehr ich daran hämmerte und flehend meinen Willen bekundete, das Personal zeigte sich unbarmherzig. Wenn mich jeweils die jungen Leute an der Züspa fürs Blutspenden gewinnen wollten, musste ich beschämt zugeben, dass mir das nicht erlaubt sei. Vermutlich hielten sie das für die Lüge eines Egoisten, der nicht zu teilen gewillt ist. Irgendwann, so glaube ich mich zu erinnern, schlug eine halbschlaue Politikerin vor, dass künftig nur noch im Notfall Blut empfangen solle, wer selber auch gespendet habe. Oi.

 

Nun wird das bisherige Verbot gelockert. Allerdings hat die Sache wie fast alles im Leben einen Haken. Blut spenden soll der schwule Mann nur dürfen, wenn er zuvor ein Jahr lang keinerlei Sex hatte. Diese Nachricht, neulich gelesen, musste ich erst ein paar Minuten setzen lassen.

 

Ein Jahr lang keinen Sex. Ich will ehrlich sein, ich hatte die ersten fast 20 Jahre meines Lebens keinen Sex. Genauso wie ich fast 20 Jahre lang kein Blut gespendet hatte. Aber nach dem ersten Mal wurde Sex zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht auf einmal pro Jahr reduzieren.

 

Immerhin weiss ich nun, dass mein Blut nicht länger weniger wert sein soll als dasjenige eines Heterosexuellen. Ich muss es einfach ein Jahr lang in Ruhe reifen lassen, bevor es gezapft wird. Schwules Blut ist also quasi Grand-Cru-Blut. Erst nach einem Jahr wird es geerntet. Das zumindest ist das einzige Korsett aus der Schublade des positiven Denkens, in das ich die Sachlage zu stopfen vermag.

 

Werfe ich den unerschütterlichen Optimismus für einmal über Bord, bleibt ein eher schaler Nachgeschmack: Das Rote Kreuz, das sich verdankenswerterweise der koordinativen Aufgaben rund ums Einsammeln von Blut annimmt, stellt endlich sein zentrales Symbol in den Vordergrund – das Kreuz.

 

Denn das Kreuz steht wie kein anderes Zeichen in der westlichen Welt für die Ausgrenzung von Männern, die Männer lieben. Genauso wie die andere gekreuzigte Weltorganisation, die katholische Kirche, sagt uns das Rote Kreuz, dass wir zwar schwul sein dürfen – aber unsere Identität nicht ausleben sollen. Als keusche Menschen sind wir willkommen, sei es auf den Bänken der Kirchen oder in den plastikbezogenen Sesseln der Blutspendedienste.

Nur der keusche Schwule ist ein guter Schwuler. Sowohl aus theologischer als auch aus medizinischer Sicht. 

Ich bin froh, dass man mir dies einmal mehr so deutlich zu verstehen gibt.

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