Ist die junge Generation bewegt?

Pessimistische Stimmen behaupten, die LGBT*-Bewegung existiere nicht mehr. Das Gegenteil ist der Fall, wie zwei queere Aktivist_innen schildern.

 

Die «Schwulenbewegung» sei tot, bisexuelle würden die schwulen Männer verraten und die «Gender-Generation» verunmögliche den Dialog zwischen Lesben und Schwulen, stellte letztens Cruiser-Kolumnist Peter Thommen kürzlich hier im Magazin [OD1] fest. Blödsinn! Hier folgtDies ist eine Replik der «Buchstabenmenschen»[1] und ein Manifest für einen gemeinsamen queeren Aufbruch.

 

Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen (LGBT) demonstrieren heutzutage gemeinsam für ihre Rechte. Und feiern tun sie ebenfalls zusammen. Einige Hundert junge Menschen trotzten Anfang September dem Dauerregen und tanzten im aargauischen Wittnau am «Lila», dem ersten queeren Musikfestival Jugendfestival der Schweiz, zu internationalen Acts. Auf der Bühne waren schwule Rapper und Sänger. Lesbische Musikerinnen und Drag-Performances heizten die Stimmung an. Beim Poetry-Slam waren trans*-Künstler_innen sowie schwule und lesbische Slammer_innen dabei. Mit von der Partie waren auch Feminist_innen, polyamor lebende Lesben und Schwule, Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen, Unterstützer_innen, die ein paar Jährchen mehr mitbrachten als der Durchschnitt, sowie ein paar verdutzte Locals aus dem Fricktal. Alle waren gleichermassen willkommen und wurden in den tanzenden, queeren Haufen integriert.

 

 

Organisiert wurde das Lila von einer neuen Generation. Diese heisst alle willkommen: Menschen, die nicht ins gängige Geschlechterschema passen oder anders lieben als die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. Das Lila-Festival wurde von der emsigen Milchjugend organisiert, die auch Gruppen an Schulen aufbaut und dafür sorgt, dass junge LGBT*s weniger isoliert sind und einen Zugang zur Community finden. Darüber hinaus existieren auch andere Gruppen, Vereine oder Veranstaltungsreihen, bei denen eine jüngere Generation von LGBT*-Menschen an einem Strick reissen. Und das ist gut so!

 

Was bringt uns die LGBT*-Buchstabensuppe?

 

Wieso setzt sich die junge Generation gemeinsam ein? Was soll das eigentlich mit «Gender»[2]? Bin ich nicht mehr dabei, wenn ich keinem fancy Buchstaben in LGBTIQA angehöre? Werde ich hier als gewöhnlicher Schwuler nicht ausgegrenzt? Als vorgeschobene Antwort auf alle diese Fragen: Keep calm! Durchatmen und jetzt mal schön der Reihe nach. Die «Gender-Generation» schafft das anatomische Geschlecht nicht ab. Der neuen Generation geht es auch nicht um Redeverbote etwa von Lesben gegenüber Schwulen, wie Peter Thommen in einer Kolumne glauben macht. Vielmehr geht es darum, welche Möglichkeiten uns die Gesellschaft in Bezug auf das Geschlecht bereitstellt. Viele Lesben und Schwule kennen das Thema gut aus ihrem Alltag. Wenn ein Mann in der Pflege arbeitet, meint das Umfeld, er müsse ja schwul sein. Umgekehrt werden Frauen mit kurzen Haaren und einem toughen Auftritt als lesbisch angesehen. Wir könnten diese Beispiele hier beliebig ausweiten.

 

Unsere Gesellschaft hat klare Rollenbilder und Vorstellungen, was Frauen oder Männern zusteht. Ein Mann soll stark und dominant sein und Frauen begehren. Eine Frau soll zurückhaltend und hübsch sein und Männer begehren. Schwule, Lesben oder Transmenschen sind Sand im heterosexuellen Getriebe. Sie fordern die Gesellschaft heraus, konventionelle Vorstellungen von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung über Bord zu werfen. Das hat Sprengpotential und die jungen LGBT*s spannen genau an diesem Punkt zusammen. Die Medien zeichnen ein Bild von #MeToo-Feministinnen, die angeblich grundsätzlich gegen Männer seien. Ganz ähnlich beschwört Thommen in den Kolumnen Konflikte von Lesben gegen Schwule, von Bisexuellen gegen Schwule und von «Buchstabenmenschen» gegen Schwule herauf.

 

Die junge queere Bewegung setzt auf ein Miteinander

 

Wir kreieren ein buntes Gemälde des Miteinander. Die Abkürzung LGBTIQA und die Verwendung des Sterns (*) für weitere Gruppen ist neuer, deren Anliegen sind aber alt. Bei den Strassenschlachten in New York rund um das Stonewall Inn Ende der 1960er-Jahre waren vor allem People of Color, Latinx[3] und Transmenschen beteiligt, die sich gegen die Polizeischikanen auflehnten. Die Bewegung, die an der Christopher Street in New York ihren Anfang nahm, hat dem mutigen Aufbruch in der Community von Transmenschen und Sexarbeitenden viel zu verdanken.

 

 

Die Bewegung ist mitnichten tot. Schwule und weisse Männer sind im Hier und Heute vielleicht einfach nicht mehr diejenige Gruppe, für die derzeit am meisten auf dem Spiel steht. In einigen gesellschaftlichen Bereichen gibt es heute mehr Freiheiten. Die Risiken aus der Familie ausgeschlossen zu werden oder den Job zu verlieren, sind für diese Gruppe kleiner geworden. Wenn schwule Männer heute innerhalb der Schweizer LGBT*-Bewegung mit politischen Anliegen etwas weniger auffallen, dann, weil ein kleiner, aber wichtiger Teil der Anliegen für einige erfüllt wurde.

 

Für Transmenschen, intergeschlechtliche Menschen, Lesben und unkonventionelle Queers geht es immer noch um Existenzielleres. Werde ich ausgegrenzt, wenn ich ein Trans-Coming-Out in der Familie mache? Akzeptieren mich meine Kollegen auf der Baustelle als Baupolierin und Transfrau? Verweigert mir die Krankenkasse Behandlungen aufgrund homo- und transphober Vorstellungen? Werde ich als Transmann von meinem Team akzeptiert? Wie gehe ich als junge Lesbe mit dem heterosexuellen Kollegen um, der nicht akzeptiert, dass ich nicht auf Männer stehe und immer wieder aufdringlich wird? Wie erziehe ich ein intergeschlechtliches Kind: Soll es im Sportunterricht zu den Mädchen oder den Jungs geschickt werden?

 

Gleichwertigkeit der Anliegen

 

Die junge LGBT*-Bewegung anerkennt, dass diese Fragen zusammengehören. Die Buchstaben in der Abkürzung LGBT* sind alle gleichwertig. Die gesellschaftliche Anerkennung von Transmenschen ist mindestens so dringend wie die Gleichstellung homosexueller eingetragener Partnerschaften gegenüber der heterosexuellen Ehe. Das Anliegen, Blutspenden für Schwule zu öffnen, ist gleich wichtig wie das Anliegen, eine angemessene rechtliche Familienform für Regenbogenfamilien zu schaffen. Es geht um nicht weniger als die Einforderung von LGBT*-Rechten als Menschenrechte.

 

Am Lila-Festival zeigte sich am Nachmittag nach dem Dauerregen ein wunderschöner Regenbogen. Die neue LGBT*-Bewegung wird der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft weiterhin die verschiedenen Farbtöne des Regenbogens aufzeigen. Die engagierten queeren jungen Menschen setzen sich dafür ein, dass Transidentität oder Homosexualität als Fluchtgrund anerkannt werden. Andere engagieren sich, damit die Suizidgefährdung homosexueller und transgender Jugendlicher abnimmt. Wieder andere kämpfen dafür, dass der Toilettengang für Transmenschen nicht zum Spiessrutenlauf wird. Und das ist gut so! Wir gehen offen aufeinander zu. Und hey, bi ist voll ok. Asexuell auch. Und Hetereros auch. Alle Menschen sind super, egal wen sie lieben oder wie sie ihr Geschlecht leben möchten.

 

 

 

[1] Peter Thommen spricht von Buchstabenmenschen und meint das LGBTIQA-Spektrum. Die Abkürzung steht für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intergender, Queer, Asexual.

 

[2] Gender bezeichnet im Englischen das soziale Geschlecht gegenüber sex, dem anatomischen Geschlecht. Diese Unterscheidung macht das Deutsche nicht, deshalb wird der englische Begriff verwendet.

 

[3] Geschlechtsneutrale Selbstbezeichnung von Menschen südamerikanischer Herkunft. Das x steht für ein beliebiges Geschlecht.

 

Die Autor_innen:

Andrea und Dani sind LGBT*-Aktivist_innen und füllen beide mehrere Buchstaben in der LGBT*-Buchstabensuppe aus. Früher wären sie als bi bezeichnet worden. Das heisst, sie fühlen sich beide von interessanten Menschen angezogen, unabhängig von deren Geschlecht.

Deshalb mögen auch beide den neueren Begriff pansexuell lieber, der bi über das Zweigeschlechter-System hinausdenkt.

 

Andrea ist engagiert bei der Milchjugend und organisiert dort Veranstaltungen für junge LGBT*s. Dani ist Historikerin, DJ und Mitbetreiberin des Party-Labels Offstream, das die Gewinne an LGBT*-Projekte und Organisationen spendet.

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