Pink Apple geht ausgezeichnet an den Start

25 Apr 2018

Eine Beziehung in Kosovo, ein schwuler Schönheitswettbewerb für syrische Flüchtlinge, Musicals und internationale Webserien: Das grösste schwullesbische Filmfestival der Schweiz hat ab dem 2. Mai wieder einiges zu bieten.

 

Von Michi Rüegg

 

Vergangenes Jahr zelebrierte Pink Apple die 20. Ausgabe seit seiner Gründung. Dieses Jahr feiert das Filmfestival gleich weiter: Der Zürcher Regierungsrat verlieh dem schwullesbischen Event unlängst die Goldene Ehrenmedaille – die höchste kulturelle Auszeichnung des Kantons.

Dieses Jahr flackert am 2. Mai im Arthouse Kino Le Paris der Eröffnungsfilm über die Leinwand, etwas später als sonst. Ihm werden einmal mehr hundert weitere Spiel- und Dokumentarfilme folgen, in Zürich sowie ab dem 11. Mai an der Fortsetzung des Festivals im thurgauischen Frauenfeld.

 

Hoffnungslosigkeit auf dem Balkan

Das Kino ist der Ort, wo der Kampf um gleiche Rechte seit jeher mit einer Portion Optimismus ausgetragen wird. Während in vielen westlichen Ländern Filme mit schwulen und lesbischen Geschichten längst den Bereich des Mainstream-Kinos streifen, sieht‘s anderswo noch ganz anders aus. Doch auch im Anderswo tut sich etwas, wie ein Blick auf die diesjährigen Filme bei Pink Apple zeigt: «The Marriage» lautet der Titel eines im letzten Jahr fertig gestellten Films aus dem Kosovo. Bei der Hochzeit handelt es sich nicht etwa um eine schwule Eheschliessung. Es ist die Geschichte von Anita und Bekim, die heiraten wollen. Ein hoffnungsvolles Paar in einem weniger hoffnungsvollen Land. Die Geschichte beginnt an einem Unort an der Grenze zu Serbien. Bekim begleitet seine Verlobe, die nach den sterblichen Überresten ihrer im Krieg verschwundenen Eltern sucht. Ein Lastwagen bringt Gebeine über die Grenze, manchmal auch nur einzelne Arm- und Beinknochen, wie der Zuschauer erfährt. Aus diesem trostlosen Setting heraus wird nun ein freudiges Hochzeitsfest organisiert. Bloss, dass Bekim vor seiner Braut ein Geheimnis hat – er liebt einen Mann.

Dass eine solche Geschichte in Kosovo erzählt werden kann, verleiht in der Tat Hoffnung. Es scheint, als dokumentierten die zwei Jahrzehnte des Bestehens von Pink Apple die Wandlung, die das schwule und lesbische Kino durchgemacht hat. Die diesjährige Festival-Ausgabe verharrt denn auch beim Balkan – es macht ihn auch abseits der Leinwand zum Schwerpunktthema. Geplant sind laut Organisatoren zusätzliche Programmpunkte, etwa zu der Frage, wie es sich in der Schweiz als schwuler Balkan-Secondo so lebt.

 

Syrien sucht den schönsten Schwulen

Szenenwechsel. Das Istanbul von heute. Syrische Flüchtlinge, in der Türkei gestrandet, kämpfen um den Titel «Mr. Gay Syria». Der Gewinner darf nach Malta reisen, an die weltweiten Mr.-Gay-Wahlen. Der in Berlin lebende Organisator der Wahlen, Mahmoud Hassino, wollte mit seinem Vorhaben auf die Situation der unzähligen schwulen Flüchtlinge hinweisen. Auf diese Weise verbinden sich der Krieg in Syrien mit dem Kampf um gleiche Rechte für sexuelle Minderheiten. Den Dokfilm darüber hat Ayse Toprak gedreht.

Wie jedes Jahr setzt Pink Apple auch heuer auf weitere Schwerpunktthemen. Mal heiter, mal wolkig. So beschäftigt sich das Festival mit einer der schwulsten Unterhaltungsformen überhaupt, dem Musical. Die Organisatoren haben tief in der Kiste gewühlt und nach Beispielen von Musical-Filmen gesucht.

Zudem wendet Pink Apple für einmal den Blick weg von der Leinwand, hin zum Smartphone- und Laptop-Screen. Den Anlass dafür bieten Webserien mit Gay-Inhalten, die in den letzten Jahren auf der ganzen Welt entstanden sind. Das Zürcher Festival bringt sie nun weg vom Mini-Bildschirm auf die grosse Leinwand. Binge-Watching im Kinosessel, mal etwas anderes.

 

Der seit einigen Jahren vergebene Pink-Apple-Award geht dieses Jahr an eine New Yorker Produzentin: Christine Vachon. Die New Yorkerin kann mehr als hundert Titel aufweisen, bei denen sie als Produzentin gewirkt hat. Einige davon sind auch einem breiten Publikum bekannt: Etwa «Boys Don’t Cry» (1999), «I shot Andy Warhol» (1996) und «Go Fish» (1994). Ihren inoffiziellen Titel «Mutter des New Queer Cinema» trägt die 1962 US-Amerikanerin alles andere als zu Unrecht. Ihren ersten Streifen in Spielfilmlänge, «Poison», produzierte Vachon 1991 für Todd Haynes. Mit ihm hat sie seither alle Projekte realisiert. Darunter auch «Far from Heaven» (2002) oder den jüngst fertiggestellten Film «Carol», die brillante Verfilmung von Patricia Highsmiths autobiografischem Buch. Aus Anlass von Vachons Besuch in Zürich zeigt Pink Apple am Festival eine Retrospektive.

 

Das diesjährige Programm wird gedruckt und online Anfang April zur Verfügung stehen. Infos auf www.pinkapple.ch, auf Facebook und Instagram (#pinkapplefilmfestival)

 

 

Diese Filme laufen unter anderem am Pink Apple:

 

 

AFTER LOUIS

Sam (60), ehemals erfolgreicher Maler und Gay-Aktivist, trinkt und raucht zu viel und hat Sex mit Strichern. Er will einem 1999 an AIDS verstorbenen Freund ein Kunstdenkmal setzen. Als er sich auf eine intensive Affäre mit dem jungen und charmanten Braeden einlässt, gerät seine Haltung zur jungen Generation gehörig ins Wanken: Braeden hat eine offene Beziehung mit seinem HIV-positiven Freund und statt AIDS vor Augen zu haben, nehmen die zwei PREP und geniessen ihr Leben.

 

TOM OF FINLAND

Nach dem 2. Weltkrieg kehrt der dekorierte finnische Offizier Touko Laaksonen zurück in den zivilen Alltag. Doch in seiner Heimatstadt Helsinki grassiert eine homophobe Stimmung, der Staat verfolgt schwule Männer. Viele Schwule heiraten Frauen und zeugen Kinder. Laaksonen flüchtet sich in die Kunst und beginnt, muskulöse Kerle zu zeichnen. Unter dem Pseudonym «Tom of Finland» wird er zu einer Ikone der globalen Befreiungsbewegung schwuler Männer.

 

Alle Infos unter http://pinkapple.ch/2018-x/de/main/home/index.html

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