Buchtipp: Intimität und Entwurzelung

13 Nov 2018

In seinem ersten Roman «Opoe» begibt sich der 1986 in Schaffhausen geborene Donat Blum auf die Suche nach seiner Grossmutter und lernt viel über sein eigenes Gefühlsleben.

 

«Mit ‹Opoe› habe ich kein politisches, kein queeres Buch geschrieben. Ich habe ein Buch geschrieben. Es ist aber, ob ich es will oder nicht, eines geworden: Denn ich sage in ihm ‹Ich›», so Donat Blum in einem Essay vom 10. August 2018. Was ist das für ein Buch, das primär nicht politisch und nicht queer sein soll, aber offenbar doch ist?

Das Grossi war für den schwulen Ich-Erzähler des schmalen Romans immer etwas Fernes, nun ist «opoe» [Niederländisch für Grossi, sprich: opu:] gestorben und der junge Mann merkt, dass sie ihm wohl doch näher war, als er zu ihren Lebzeiten wahrhaben wollte. Daher begibt er sich auf die Spurensuche in das Heimatland der Grossmutter, die Niederlande. Dort wird er mit Bekannten und Verwandten aus der Vergangenheit der Grossmutter konfrontiert und erfährt, dass diese eine zutiefst Entwurzelte war. Geboren in den Niederlanden, verliebte sie sich einst in einen Schweizer, mit dem sie – schwanger - in dessen Heimat zog. Eine Ehe, die nicht hielt, was die erste stürmische Liebe versprochen hatte. Irgendwie verschwindet dann diese Grossmutter aber immer wieder aus dem Roman, stattdessen tun sich amouröse Unwegbarkeiten im Leben des Erzählers auf. Er, der auf der Suche nach Liebe und Nähe ist und diese zwar findet, aber nicht immer halten kann, manövriert sich zusehends unsicherer durch die Gegenwart.

 

Fiktion oder Realität?

Überhaupt der Ich-Erzähler: Da bekommt man schon in der Schule und später dann natürlich im Literaturstudium tausendfach eingehämmert: «Setze niemals den Ich-Erzähler oder das lyrische Ich mit dem Autor gleich.» Und was macht Donat Blum hier? Nennt sein Werk Roman und den Ich-Erzähler Donat! Was soll der Leser jetzt davon halten? Ist es nun ein fiktives Werk oder eine Autobiographie? Erzählt Donat Blum – in nahezu essayistischer Manier und mit atmosphärisch kompakter Sprache - von seiner eigenen Familie, lässt er den Leser wirklich so nah an sich und seine Gefühle heran? Wo ist hier die Grenze zwischen Fiktion und Realität? In oben erwähntem Essay tönt es an, dass man in diesem Fall durchaus Autor und Figur gleichsetzen darf, doch im Lauf des Lesens wird dies zusehends unerheblich.

Auch wenn Blum in oben zitiertem Essay bestreitet, bewusst queere Literatur verfasst zu haben, so schläft doch der Protagonist mit Männern. Blum weiss aber durchaus, dass dies ein schmaler Themengrat ist, auf den er sich begibt: «Der von Männern dominierte Literaturbetrieb tut sich schwer mit queerer Literatur: Männer, die mit Männern schlafen, und etwas über Liebe sagen: schwierig. Frauen, die von ihnen nicht begehrt werden können: heikel.» Dabei sieht er gerade in der Queerness eine grosse Chance, was der englische Pop-Betrieb erkannt habe, wo dies auch bestens funktioniere und gerade als Chance gesehen werde.

Eine eigentlich bedeutungslose Frage bei einem Roman, der unterhält und der den Leser mitnimmt auf die Suche nach Lebenserfüllung und Liebesglück, auch wenn so mancher in Bezug auf Opoe etwas unerfüllt zurückbleibt.

 

Donat Blum: Opoe. Ullstein Fünf 2018. ISBN 978-3-961-01012-7. Preis: ca. CHF 27.90. Beispielsweise hier online bestellbar

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