Glamour. Glitzer. Politik. – Vorhang auf für den ESC 2019

9 May 2019

Was dem Fussballfan das WM-Finale, dem Schweizer der 1. August, ist vielen LGBT*lern der ESC, der vielfach mit einer ebensolchen Inbrunst zelebriert wird. Schon Wochen vorher steigt die Partyplanung – Motto oder kein Motto? Üppiges Abendessen oder lieber schlichte Snacks? -, werden Vorentscheide geguckt und ausgiebig kommentiert und letztendlich natürlich Favoriten gegoogelt und mögliche Loser vorab (spöttisch) bemitleidet.

 

 

Nach dem Sieg von Netta im vergangenen Jahr mit ihrem Song «Toy», der laut der Sängerin als Antwort auf die MeToo-Debatte zu verstehen gewesen sei, ist es dieses Jahr nun an Israel, den ESC auszurichten. Schnell haben sich die Veranstalter dafür entschieden, den Austragungsort in die pulsierende, weltoffene Metropole Tel Aviv zu legen, die 1909 gegründete und mit ca. 450.000 Einwohnern nach Jerusalem zweitgrösste Stadt Israels. Auch wenn Tel Aviv eben durchaus die Moderne verkörpert und durch lebhafte Künstlerviertel eine grosse Anziehungskraft für junge Menschen hat, so lässt sich nicht leugnen, dass es bereits im Vorfeld einige Proteste gab, dass der ESC überhaupt in Israel stattfindet. Zu stark ist die Verbindung des Staates mit der immer noch ungelösten Palästina-Frage und dem teilweise merkwürdigen Gebaren israelischer Politiker in Bezug auf Fragen nach Toleranz und Kompromissbereitschaft – immerhin ein Motto des ESC. So schloss Benjamin Netanjahu Ende März (mal wieder) eine Militäroperation im Gaza-Streifen nicht aus und demonstrierte damit die übliche angebliche Stärke Israels gepaart mit einem scheinbaren Willen zu Ruhe und Diskussionsbereitschaft, denn diese Angriffe seien nur eine Option, wenn es keine anderen Möglichkeiten mehr gebe. Die Beurteilung der Notwendigkeit behält sich der Staatschef natürlich selbst vor...

 

2019 werden 41 Länder um den Sieg kämpfen

 

Trotz des Aufrufs zum Boykott des ESC sagten bis Ende des vergangenen Jahres immerhin 42 Staaten ihre Teilnahme zu, was in etwa der Teilnehmerzahl des Jahres 2018 entsprach. Laut Reglement ist die Teilnehmerzahl interessanterweise nicht von vornherein festgelegt, sondern jedes Land muss sich jeweils einzeln anmelden. Dies hat man so vereinbart, weil eine Teilnahme mit nicht zu unterschätzenden Kosten verbunden ist und man so jedem Land die Möglichkeit geben will, ohne grosse Probleme abzusagen, falls der Staatshaushalt eine Teilnahme eher nicht erlaubt. Von diesem Recht machte in diesem Jahr Bulgarien Gebrauch, das seine Teilnahme bereits Ende 2018 aus finanziellen Gründen absagte.

 

Am 27. Februar 2019 kam es dann nach einigem Gären und Brodeln in der Ukraine zum Knall, der ebenfalls mit der Absage, am ESC teilzunehmen, endete. Was war geschehen?

Die 1992 geborene Sängerin MARUV, eigentlich Anna Korsun, die mit «Siren Song» den ukrainischen Vorentscheid gewonnen hatte, zog ihre Teilnahme nach lautstarkem Gezanke mit dem öffentlich-rechtlichen Sender UA:PBC zurück, nachdem dieser ihr offenbar untersagt hatte, weiterhin Konzerte in Russland zu geben – wir erinnern uns: Der 2014 begonnene Krieg zwischen der Ukraine und Russland vor allem in der Donezk-Region ist immer noch nicht beendet und sowohl staatliche Kräfte als auch Untergrund-Milizen aus beiden Staaten liefern sich regelmässig blutige Gefechte. Trotz der anhaltenden Kämpfe nutzen aber viele Künstler der Ukraine Auftritte im riesigen Nachbarland weiterhin, um ihr ansonsten doch sehr schmales Budget aufzubessern. Dies sollte nun MARUV verboten werden. Daraufhin entschied sich die Sängerin, lieber nicht zum ESC zu reisen, als auf die Einnahmen aus Russland zu verzichten, schliesslich, so MARUV, wolle sie «kein Werkzeug im politischen Spiel» sein. Pah, kein Problem, dachten sich die Verantwortlichen beim Sender UA:PBC, schliesslich gab es ja noch Zweit- und Drittplatzierte aus dem Vorentscheid und man warf der Sängerin harsch vor, sie verstehe sich nicht als «Kulturbotschafterin der Ukraine». Doch nach der Absage MARUVS wollten nun auch weder Freedom Jazz noch KAZKA für ihr Land in die Bresche springen und so stand man plötzlich ohne erfolgversprechende Teilnehmer da, hatte zudem mittlerweile jede Menge negative Publicity produziert und entschloss sich zu dem einzig sinnvollen, konsequenten Schritt in dieser Situation: Man sagte die Teilnahme für das Jahr 2019 ab.

 

Luca Hänni geht für die Schweiz ins Rennen

 

 

Für die Schweiz geht es einmal mehr primär gar nicht um den Sieg, obwohl die Fan-Gemeinde 31 Jahre nach Celine Dions Erfolg einen solchen natürlich für absolut verdient hält, sondern zunächst einmal ums Erreichen des Finals. Dieses Mal startet die Schweiz im 2. Halbfinal, also am 16. Mai, in einem Lostopf unter anderem mit Belgien, den Niederlanden und Österreich. Wie hoch die Chancen stehen, weiss natürlich noch niemand, sicher ist nur, dass der Niederländer Duncan Laurence mit seiner Pop-Ballade «Arcade» momentan bei den Wettquoten auf Platz eins steht – das lässt vermuten, dass es auch dieses Jahr nicht einfach sein wird, einen Startplatz für den 18. Mai zu ergattern.

 

Mit Luca Hänni setzt die Schweiz nicht auf einen Newcomer, zu unsicher sind hierbei Bühnenpräsenz und Nervenstärke, sondern auf einen mehr oder weniger «alten Hasen», schliesslich gewann der 1994 in Bern geborene Hänni schon 2012 die RTL-Castingshow DSDS und eroberte dabei die Herzen vieler Zuschauer*innen im Sturm. Nachdem die vergangenen Auswahlverfahren zum einen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, zum anderen auch relativ teuer waren, hat man dieses Jahr auf einen Jury-Entscheid gesetzt, statt auf eine aufwändige TV-Show mit Zuschauerentscheid.

 

Man kann gespannt sein, wie Hännis «She Got Me» beim Publikum und der Jury in Europa ankommen wird. Manche Stimmen äussern sich eher kritisch, zu durchschnittlich, wenig kreativ und irgendwie langweilig sei der Song, sodass er es schwer haben werde, die Halbfinalhürde erfolgreich zu überwinden. 

 

Ein Ziel wird die Schweiz jedenfalls, falls es ihr gelingt, ins Finale einzuziehen, ziemlich sicher erreichen, nämlich besser als Deutschland abzuschneiden. Dem Nachbarland prophezeien alle ESC-Fans einhellig für das Duo «S!sters» mit dem Song «Sister» (wie kreativ!) ein peinliches Debakel. Es wäre ja nicht das erste Mal und vielleicht fliegt Deutschland dann endlich aus der Gruppe der fest gesetzten Teilnehmer heraus und muss sich wie die meisten anderen Länder auch erst einmal in Halbfinal beweisen. Fair wäre das allemal.

Uns bleibt jedenfalls nur eins: Champagner kalt stellen, Häppchen vorbereiten und Daumen drücken – Luca Hänni douze points!

 

Der 64. Eurovision Song Contest findet im Mai 2019 unter dem Motto "Dare To Dream!" im Internationalen Kongresszentrum in Tel Aviv statt. Die Halbfinale gehen am 14. und 16. Mai 2019 über die Bühne, das Finale am 18. Mai.

Die Schweiz wird den Vorentscheid am 16. Mai bestreiten.

 

Video von Luca Hänni mit dem ESC Beitrag

 

 

 

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