Die Quasi-Ehe für fast alle

13 Sep 2019

 

Nun sollen auch nicht gemischtgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Allerdings mit einer Einschränkung. Biologieunterricht und eine Wahlhilfe von Michi Rüegg.

 

Die Ehe für alle – noch nennt die «Sonntagszeitung» sie verächtlich «Homo-Ehe», aber wenn sie einmal da ist, wird sie dieses Attribut verlieren und einfach nur «Ehe» heissen. Vor dreissig Jahren, als vorpubertierender Stinker, hatte ich zwar mit der globalen Erwärmung gerechnet, nicht aber mit der Ehe für Gays und Lesben.

Der Weg zu ihr ist steinig. Einer der Gründe, weshalb selbst im Ausland geschlossene Ehen hierzulande nicht vollständig anerkannt werden, ist ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 1991. Also kurz, nachdem die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gefallen war. Als die letzten fetten Schulterpolster in Damenblusen eingenäht wurden und die Dauerwelle hochmodisch war. Als wir «Kuschelrock 5» auf Kassette hörten. Aktuell sind wir bei Nummer 33 – und was ist eine «Kassette»?

 

 

Damals befand das höchste Gericht in Lausanne in einem sehr speziellen Fall, eine Ehe zwischen zwei Männern sei nicht möglich, weil sie dem hiesigen ordre public widerspreche. Also der öffentlichen Ordnung, sprich, weil sie unsittlich sei. Dieses Argument hielt sich bis heute. Bis ins Jahr 2019, in dem praktisch ganz Europa unter einer Ehe eine Verbindung zwischen zwei Menschen jedweden Geschlechts versteht. Nicht so bei uns, nein. Die Schweizer Ordnung ist eine andere. Hier empfinden die Menschen nicht wie der Rest Europas.

Aber: Das Problem steht vor der Lösung. Die zuständige Kommission des Nationalrates hat der Öffnung der Ehe zugestimmt. Eine Gesetzesänderung ist on the way. Allerdings haben es sich die SVP- und CVP-Nasen nicht nehmen lassen, in die Vorlage zu spucken: Indem Samenspenden für lesbsiche Paare ausgeschlossen wurden.

Dabei muss man wissen: Auch wenn das für viele von uns ein absurder Gedanke ist – der männliche Samen ist nicht einfach nur ein Nahrungsmittel, er ist etwas Wertvolles. Was wir nach dem Pornokonsum kopflos wegwischen, beim Deepthroaten gierig verschlucken oder nach dem Vögeln ins Klo feuchtfurzen – diese milchig-schleimige Flüssigkeit kann Lesbenpaaren den Kinderwunsch erfüllen.

 

Allerdings nicht auf normalem Weg, wenn es nach der konservativen Kommissionsmehrheit geht. Eine SVP-Trulla hat erklärt, warum: Das sei eben so, weil die Natur das so gewollt habe. Es ist allerdings auch zu bezweifeln, ob die Natur aus altem organischem Material Erdöl gemacht hat, damit wir es in die Atmosphäre verbrennen können.

Da ist es wieder, das «Ja, aber». JA, ihr dürft heiraten und die gleichen Rechte haben… ABER, nicht die ganz genau gleichen. Wo kämen wir denn in diesem Land hin, wenn Minderheiten plötzlich den Mehrheiten gleichgestellt wären. Das scheint völlig undirektdemokratisch.

 

Echt jetzt: Die derzeitige Legislatur ist wohl eine der nutzlosesten in der Geschichte des Bundestaates. Eine rechtsbürgerliche Mehrheit aus Wirtschaftslobbyisten und Nationalistinnen hat so ziemlich jeden fortschrittlichen Gedanken im Keim erstickt.

Darum, liebes Lesendes, bitte geh’ im Herbst wählen. Und befreie uns alle von diesen rechten Pappnasen. Die von der Frau am Herd, dem Mann mit dem Sturmgewehr und den Braven, die von in der Schule die Nationalhymne trällernden Kinder träumen.

 

Machen wir die Schweiz etwas weniger heteronormativ. Wie das geht? Eine einfache LGBT*-Regel: Nichts wählen, das «Volk» im Namen trägt.

Und damit auch das klar ist: Das war keine Aufforderung, künftig deine vollgewixten Taschentücher im Briefkasten der Lesbe gegenüber zu entsorgen.

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