Kolumne: Tand ist das Gebilde von Menschenhand


Jeder Mist wird heute von unabhängigen Konsumentenforen getestet. Nur bei schambehafteten Artikeln wissen wir kaum etwas über deren Qualität. Dabei geben die Cleveren unter uns durchaus Geld aus für anständige Ware, ist Michi Rüegg überzeugt.

Ein Mensch lebt im optimalen Fall so 80 oder gar mehr Jahre. Es bleibt ihm also genügend Zeit, Erfahrungen zu machen und aus Fehlern zu lernen. Ein typischer Fehler ist, dass man vor allem in jüngeren Jahren dazu tendiert, aus Kostengründen auf Qualität zu verzichten und billiger Ware den Vorzug zu geben. Dieses Verhalten rächt sich nicht selten:

  • Indem der Schrott schon bald kaputtgeht und man ihn durch neuen Schrott ersetzen muss, der ebenfalls bald kaputtgeht. Am Ende hat man mehr bezahlt, als wenn man ein Qualitätsprodukt erworben hätte.

  • Indem der Schrott nicht kaputtgeht, sondern im Gegenteil viel zu lange hält. Man hasst den Schrott jahrelang und denkt: Hätt‘ ich doch nur etwas Anständiges gekauft, dann müsste ich jetzt nicht Jahr für Jahr drauf warten, dass dieses Ding den Geist aufgibt.

Beide Szenarien sind minder befriedigend. Ich habe mir mal für 250 Euro eine kleine Teekanne der königlich-preussischen Porzellanmanufaktur geleistet. Mit Platinrand. Mein Freund sagte: So ne Kanne kannst du in jedem Brockenhaus kaufen. Doch erstens stimmt das nicht, ich habe seither in jedem verdammten Brockenhaus nachgeschaut, nur hässliche Exemplare. Zweitens freue ich mich jedes Mal, wenn ich mir einen Tee mache über meine Kaufentscheidung. Und der Tee schmeckt besser, weil die Kanne so schön ist.

Mittlerweile schaffe ich meist nur noch Dinge an, die lange halten. Nie werde ich den Blick der Dame vergessen, die mir meine Bratpfannen verkauft hat. Mit genuiner Melancholie in den Augen sagte sie: «Es tut mir Leid, auf die beschichteten Pfannen geben wir nur 25 Jahre Garantie, nicht lebenslange wie bei den gusseisernen.» Ich rechnete kurz ein Vierteljahrhundert auf mein Lebensalter drauf und war noch immer sehr zufrieden mit meiner Wahl.

Neulich fiel mir auf, dass viele meiner Sexspielzeuge auch schon etliche Jahre auf dem Buckel haben. Ich machte Inventur bei den Plugs und Dildos und merkte: Die billige Ware hatte ich kaum benutzt zum Teil sogar längst weggeworfen, weil sie sich irgendwie nicht gut anfühlte. Die guten Stücke brauchte ich häufiger und länger. Und sie waren noch alle in tadellosem Zustand, trotz teilweise intensiven Gebrauchs. Meinen ältesten Dildo kaufte ich noch vor meiner ersten Ehe. Das war im letzten Jahrtausend.

Sexspielzeuge sind in der Regel treuer als echte Pimmel. Die Beziehung zu einem Dildo hält zuweilen weitaus länger als diejenige zu einem Mann. Typen kommen und gehen, Plugs und Dongs bleiben. Es lohnt sich also auch hier, in Qualität zu investieren.

Doch wie erkennt man Qualität?

Ein Indikator ist der Preis. Ist ein Artikel schamlos günstig, hat das vielleicht seinen Grund. Dann stammt er aus irgendeinem toxinverseuchten Sweatshop in Südchina. Natürlich sind die guten Exemplare viel zu teuer. Aber wir sind hier halt in einem Markt, in dem der Konsument nach Strich und Faden abgezockt wird. Und letztlich wissen wir auch bei einem teuren Exemplar nicht, was es mit unseren Schleimhäuten anstellt.

Eigentlich ein Jammer, dass Stiftung Warentest, Kassensturz, Eidgenössische Materialprüfungsanstalt und die 26 Kantonschemiker dieses Landes nicht einmal die Sextoy-Industrie unter die Lupe nehmen. Denn was nützt es, dass ich oben Bio-Schafsmilchjoghurt reinstopfe, wenn unten mein Dildo Paraffine und Giftstoffe in meinen Darm ausschwitzt (was er hoffentlich nicht tut, aber manche tun es eben doch, hab ich gelesen). Aus falscher Scham wird hier ein veritables Konsumentenbedürfnis ignoriert. Es ist an der Zeit, dass auch im Enddarm Licht ins Dunkel kommt.

Wie gesagt, Beziehungen kommen und gehen. Sextoys bleiben. Nehmen wir sie also bitte etwas ernster.