Valencia probt den grossen Auftritt
- Moel Maphy

- 15. Apr. 2024
- 4 Min. Lesezeit

Ende Mai 2024 zeigt sich Valencia als Stadt, die nicht einfach nur schön sein will. Sie will mehr: sportlich, international, sichtbar. Die Gay Games 2026 werfen bereits jetzt ihre Schatten voraus. Und Benidorm? Das liefert dazu den Gegenentwurf – weniger Haltungsgeste, mehr Ferienmaschine; weniger kulturpolitische Pose, mehr Sonne, Bars und diese eigenartige mediterrane Leichtigkeit, die auch um drei Uhr morgens noch funktioniert.
Eine Stadt im Aufwärmtraining
Valencia hat in diesen Tagen etwas von einer Gastgeberin, die den grossen Abend längst im Kopf hat, auch wenn die Gäste noch nicht da sind. Die Altstadt glänzt im warmen Licht, rund um den Mercat Central klirren Gläser, irgendwo riecht es nach Orangen, irgendwo nach Meer – und über all dem liegt das Wissen, dass diese Stadt 2026 die Gay Games austragen wird. Offiziell ist Valencia als Gastgeberin bestätigt, und zwar als erste Stadt Spaniens. Man merkt das nicht an plakativer Reklame an jeder Ecke, eher an diesem selbstverständlichen Ton, mit dem die Stadt bereits jetzt von Inklusion, Sport, Kultur und internationaler Sichtbarkeit spricht. Valencia will nicht bloss Austragungsort sein; Valencia will zeigen, wie eine moderne mediterrane LGBT*-Stadt aussieht, wenn sie nicht geschniegelt, sondern überzeugt auftritt.
David Gómez und das Gesicht des Projekts
Ein solches Projekt braucht Gesichter. Eines davon ist im Frühjahr 2024 klar David Gómez. An der FITUR in Madrid tritt er gemeinsam mit Amaya Ráez bei einer Präsentation zu den

Gay Games Valencia 2026 auf und spricht über den Stand der Vorbereitungen. Das wirkt nicht nach leerem Veranstaltungsdeutsch, sondern nach einem Projekt, das bereits in Bewegung ist. Gómez ist einer jener Männer, die nicht überdreht wirken müssen, weil die Sache selbst schon gross genug ist. Die Botschaft ist klar: Valencia bereitet sich nicht erst irgendwann vor, Valencia ist bereits im Vorlauf. Noch sind es zwei Jahre bis zum Event, aber der Ton ist gesetzt. (ifema.es)
Queere Geschichte steht mitten auf dem Platz
Wer Valencia verstehen will, sollte allerdings nicht nur auf 2026 schauen. Die Stadt erzählt auch rückwärts – und das mitten im Zentrum. Auf der Plaça del Mercat, gegenüber der Kirche Santos Juanes, erinnert eine Gedenktafel an Margarida Borràs. Valencia selbst beschreibt sie als Referenzfigur der trans Geschichte und als ersten dokumentierten Fall von Folter und Tod wegen ihrer Identität als trans Frau im Valencia des 15. Jahrhunderts.
Gerade das macht diesen Ort so stark. Zwischen Touristengruppen, Marktständen und Barockfassaden taucht plötzlich eine Geschichte auf, die sich nicht wegerklären

lässt. Queere Geschichte steht hier nicht im Nebenraum, sondern im Stadtraum; und sie steht dort mit einer Ruhe, die viel lauter ist als jeder Slogan. (valencia.es)
Russafa, Drinks und Nächte ohne grosses Theater
Auch das heutige LGBT*-Valencia hat Stil, aber keinen Zwang zur Pose. Das Viertel Russafa gehört dabei zu jenen Gegenden, in denen der Abend oft eleganter beginnt, als er endet. Visit València empfiehlt selbst Lokale wie La Boba y el Gato Rancio, ein stilvolles Gay-Café mit Terrasse, dazu The Muse als Bar für die ersten Drinks – oder für jene Stunden, in denen noch niemand so genau weiss, ob der Abend kultiviert bleibt oder doch kippt. Später zieht es viele weiter ins Deseo 54, jene Institution, die in Valencia seit Jahren als eine der grossen LGBT*-Adressen funktioniert. Gerade diese Mischung macht die Stadt interessant: Sie ist weder so geschniegelt wie manche Grossstadtmarke noch so schrill, dass sie sich selbst dabei dauernd zusieht. Valencia kann Nachtleben auch ohne Dauerinszenierung. (Visit Valencia)
Benidorm macht keine grossen Worte

Und dann Benidorm. Schon die Ankunft ist wie ein kleiner Stilbruch. Nach Valencia mit seinen Plätzen, Fassaden und historischen Tiefenschichten wirkt Benidorm fast wie ein grell beleuchteter Ferienreflex. Aber genau darin liegt die Qualität dieser Stadt. Benidorm will nicht subtil sein. Benidorm will funktionieren. Und für LGBT*-Reisende tut es das seit Jahrzehnten. Die offizielle Tourismuskommunikation verortet das Herz der Szene ganz klar in der Old Town, rund um Santa Faz, Alicante und Quatre Cantons. Dort liegen die Bars dicht beieinander, die Wege sind kurz, und überhaupt ist in Benidorm fast alles in Gehdistanz oder mit günstigen Bussen und Taxis erreichbar. Das ist kein Detail, sondern Teil des Erfolgs: Diese Stadt macht Queer-Ferien praktisch. Kein langes Suchen, kein kompliziertes Sortieren, keine unnötige Choreografie. Tagsüber Strand, am Abend Altstadt, später vielleicht Levante oder Rincón de Loix – Benidorm ist ein System, das erstaunlich reibungslos läuft. (Visit Benidorm Official Tourit Web Site)
Wer wegen der Szene kommt, wohnt am besten nahe der Altstadt. Dort sitzt das queere Herz der Stadt, dort beginnt der Abend fast automatisch. Offiziell ist zudem bereits klar, dass Benidorm Pride 2024 vom 2. bis 8.

September stattfinden wird. Als unkomplizierte Einstiegsadresse für den Abend gilt Brief Encounter in der Santa Faz. Wer es direkter mag, kennt in Benidorm seit Jahren die H2O Sauna in der Calle Tomás Ortuño. Mehr braucht es fast nicht für einen funktionierenden Aufenthalt: eine Unterkunft nahe der Old Town, etwas Toleranz gegenüber der vertikalen Architektur dieser Stadt – und die Bereitschaft, Benidorm nicht nach feinen kulturellen Zwischentönen zu beurteilen, sondern nach seiner fast schon professionellen Fähigkeit, Ferien in einen flüssigen Zustand zu versetzen. (benidormpride.com)
Zwei Städte, zwei Rhythmen
Gerade nebeneinander gelesen werden Valencia und Benidorm interessant. Valencia ist die Stadt mit dem grösseren Bogen: Geschichte, Gegenwart, Aufbruch, Gay Games. Benidorm ist der Gegenentwurf, der sich gar nicht erst mit zu viel Bedeutung belädt. Dort zählt, dass die Szene funktioniert, dass die Wege kurz sind, dass der Abend nicht lange Anlauf braucht. Valencia liefert den Stoff für den Artikel; Benidorm liefert die Pointe. Und vielleicht ist genau das das Schönste an dieser Reise im Mai 2024: dass sich queeres Reisen in Spanien nicht auf einen Ton festlegen lässt. Mal steht ein Denkmal auf einem Platz und erzählt von Jahrhunderten der Ausgrenzung, mal steht ein Drink auf einem Bartresen in der Altstadt und erzählt nur von der nächsten Stunde. Beides hat seinen Platz. Und beides sagt etwas darüber aus, wie lebendig, wie widersprüchlich und wie gegenwärtig LGBT*-Geschichte und LGBT*-Gegenwart in Spanien gerade sind. (valencia.es)




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