Kolumne: Wir befinden uns im Krieg


Die Weltwoche macht mobil gegen alle, die nach katholischer Lehre zur Hölle fahren. Das wären dann wir...

Lieber Leser. Es ist soweit. Wir bitten dich, sofort in den nächsten Laden zu stürmen und dir einen Notvorrat an Wattebällchen, Proteinpulver und Einwegklistieren anzuschaffen. Desweitern machst du dich bitte vertraut mit den Schutzraumvorschriften deines Hauses oder deines Quartiers. Nachts sind die Lichter zu löschen und wenn du aus dem Haus gehst, nimm dich in Acht vor Heckenschützen. Denn ja, während du das hier liest, bricht gerade ein Krieg aus. Hier bei uns. Und jetzt. Und zu allem Übel bist du auch noch am Ausbruch mitschuldig.

Ja, denn es handelt sich um «eine Art gesellschaftspolitischen Sonderbundskrieg», wie ein gewisser Florian Schwab aus der Weltwoche-Redaktion ihn bezeichnet. Anlass dafür bietet die CVP-Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe, über die das Schweizer Volk abgestimmt haben wird, wenn diese Zeilen hier gedruckt sind. Ob sie angenommen oder abgelehnt worden ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur: Sie hat einen Krieg ausgelöst. Zwischen den vernünftigen Kräften in unserem Land auf der einen Seite – konservativen Katholiken, Sektenmitgliedern, Rechtsnationalisten – und den zerstörerischen Kräften auf der anderen Seite. Dazu gehören neben der FDP auch wir. Denn, so Redaktor Schwab: die einst so wundervollen Liberalen würden unterstützt durch «schrille Homosexuellenorganisationen» und gemeinsam würden wir ebendiesen Krieg vom Zaun brechen. Steht so drin.

Nun mag sich der durchschnittliche Bewohner von Aleppo angesichts dieser Rhetorik etwas wundern. Schliesslich hat Krieg ja noch andere Dimensionen als das Versenden von Pressemitteilungen und das Liken von Facebook-Posts. Aber wir wollen der Weltwoche nicht vorhalten, dass sie es hier mit der wahren Bedeutung einer Sache nicht ganz so genau nimmt. Schliesslich tut sie das andernorts auch nicht. Kann man einem Hund vorwerfen, dass er sabbert?

Immerhin ignoriert uns das Blatt nicht. Vergangenes Jahr erinnerte die Weltwoche etwa daran, dass sich vor allem Homosexuelle mit Aids anstecken. Oder sie eilte Bischof Vitus Huonder zu Hülf, der für seine alttestamentale Geisselung der Homosexualität Prügel einstecken musste. Und sie kritisierte, dass die Diskriminierung Homosexueller strafbar sein soll. Oder sie fand, Schwule und Lesben sollten bitte nicht heterosexuelle Hochzeiten imitieren. Ach, einen hab ich noch: Derselbe Florian Schwab beklagte sich in einem anderen Text darüber, dass der «weisse Hetero-Mann» ungestraft diskriminiert werden dürfe, während unsereins gesetzlichen Schutz geniesse. Tatsächlich ist die jahrhundertelange systematische Diskrimierung des gesunden weissen Mannes durch die schrillen Tunten eine Ungerechtigkeit, die unsere Gesellschaft noch immer nicht verdaut hat. Und die Hexen haben sich alle selber verbrannt. Und CO2 ist gut für die Umwelt. Und Ausländer haben halt ein Kriminellen-Gen im Blut.

Mit dem richtigen Rezept kann man vielleicht doch noch eines Tages aus Blei Gold herstellen. Aber aus Diffamierung und Lügen wird man nie eine Zeitung machen, die diesen Namen verdient. Die Erde mag rund sein. Aber die «Welt», die auf der Titelseite des Wochenblatts steht, ist saumässig platt.