Kultur: „Wer hat Angst vor Hugo Wolf?“ Ein schrillbunter Liederabend von Herbert Fritsch


Fetisch Farbe

Prall glänzend wie frisch aufgetragener Lippenstift provozieren die geometrischen Formen ihren Betrachter und führen erst einmal minutenlang sich selbst auf. Für das Bühnenbild übertrug Regisseur Herbert Fritsch das Gemälde „Who’s afraid of red, yellow and blue“ von Barnett Newman in die Dreidimensionalität. Newmans Werk soll Galeriebesucher zu ungewöhnlich aggressiven Reaktionen getrieben haben - an Fritschs aalglatter Oberfläche perlt jeder Angriff schonungslos ab. Nach all der Verausgabung der Darstellerinnen glänzt sie beim Applaus weiter, als wäre nichts gewesen.

Und dabei war da so viel: Sieben Frauen deklamieren, singen und kalauern sich durch die Gedichtvertonungen von Hugo Wolf, begleitet von einem funkelnden Rockabilly-Pianisten. Über den Zusammenhang zwischen Newmans Kunstwerk, Wolfs Komposition und Fritschs Ensemble kann man abseits von Metadaten der Titel nur mutmassen. Ein Liederabend auf der grossen Bühne? Ja! Fritsch und seine Frauen nutzen die Lieder und Gedichte, die sich genauso um die romantische Liebe wie um explizit sexuelle Inhalte drehen, als Steilvorlage zu eigenwilligen Auseinandersetzungen und starken theatralen Bildern, die eigene kleine Episoden erzählen.

Gewohnt poppig und schrill beginnt der Abend und greift voller Lust mit beiden Händen ganz tief in die Klischeekiste der erotischen Mann-Frau-Konstellationen. Da wird die Flöte zum Fetisch und der Rattenfänger zum Film Noir-Bösewicht, der hinter dunklen Ecken lauert. Zu Beginn im Smoking, souverän männliche Coolness performend, später in gleicher Konstellation und mit ähnlichen Moves genauso souverän weiblich im poppigen Kostümchen und mit Stewardessencharme, lassen die sieben Frauen Geschlecht fluid werden, indem sie ausschliesslich knallharte Klischees reproduzieren.

Mit dem musikalischen Material geht das Ensemble so frei um, wie es den Stimmen, dem szenischen Vorgang und der Komik dient und befreit das Kunstlied von jeglichem Kitsch. Bewusste Plattitüden da, wo sonst die Musik allzu gefühlselig wird. Von rauchigen Jazztiefen bis klassischen Höhen ist deshalb alles dabei – und ja, manchmal muss man ein an sich beglückendes Gefühl fernab vom schönen Gesang mit aller Wut herausschreien.

Hauptsache Theater und Hauptsache komisch!

Tickets und Spielplan auf der Webseite des Schauspielhaus Zürich