Kommentar: We are Family. Sind wir das?


Momentan kocht es mal wieder in der LGBTQI-Community. Lesben fühlen sich von Schwulen diskriminiert und verdrängt. Nun: Streit kommt in den besten Familien vor, trotzdem sollte das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verloren werden.

Es wird viel gejammert, aber kaum jemand kriegt den Hintern hoch. Gleichberechtigung wird nicht auf dem goldenen Tablett serviert, sie muss noch immer erkämpft werden. Doch wenn es mal nicht so einfach geht, dann sucht man sich am besten einen Sündenbock. Am besten einen aus einer sogenannten «Randgruppe» bzw. Minderheit, mit denen kann man sich nämlich leichter anlegen. Aber wenn Minderheiten anfangen, gegen Minderheiten zu kämpfen, dann wird es gefährlich.

Es ertönt die Forderung nach grösserer Sichtbarkeit in der Community. Mensch, Mädels, dann macht Euch doch sichtbar! Wir selbst müssen unseren Platz verteidigen und können nicht von Schwulen-Verbänden erwarten, dass sie ständig für uns mitreden.

Ja, auch ich wurde in der Öffentlichkeit von einem Schwulen schon als «eklige Scheiss-Lesbe» tituliert, aber deshalb fühle ich mich nicht von der gesamten Schwulen-Community diskriminiert. Vollpfosten gibt es überall, ob schwul, lesbisch, hetero, schwarz oder weiss… Oberflächliche, dumme Partytunten gibt es genauso wie männerhassende Kurzhaarlesben. Aber ich sehe mich durchaus nicht als schwaches Opfer, denn in diesem Fall hätte ich bereits von vornherein verloren. Es ist wichtig sich zur Wehr zu setzen, sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen, aber es kommt darauf an, wie wir es machen.

Frustrierte Mannsweiber

Warum schwingt bei vielen Lesben immer das Bild der latent aggressiven und frustrierten Frau mit? Selbst in der LGBTQI-Community ist inzwischen von den «unlustigen Weibern» die Rede. Ja, Schwule sind präsenter, ob am CSD, in der Partyszene oder den Medien. Aber es ist nicht ihre Schuld, dass (und dies ist ein weltweites Phänomen) immer mehr Frauenlokale, -Clubs und –Einrichtungen schliessen müssen. Wenn fünf Frauen zwei Yogi-Tees bestellen, rentiert sich das auf Dauer einfach nicht. Und wenn man zu Frauenpartys rucksackweise Prosecco-Döschen schmuggelt, da man zu geizig ist, welchen an der Bar zu kaufen, dann schiessen wir uns damit nur selber ins Bein. Sprich: Manchmal müssen wir die Schuld auch in unseren eigenen Reihen suchen.

Und jetzt bitte nicht das Gejammer, Frauen könnten sich durch schlechtere Bezahlung die hohen Gastropreise nicht leisten. Das mag vielleicht in Berlin gelten, aber für die meisten CH-Damen zählt das sicher nicht. Einfach mal ein Gläschen weniger trinken und überlegen, ob ich mit dem Getränk von der Bar nicht in gewisser Weise die lesbische Szene unterstütze. Lesben prangern an, dass schwule Männer beim Zürich-Pride-Festival ihren Fokus auf den Kommerz legen. Gleichzeitig regt man sich auf, dass Lesben-Verbände bedeutend weniger finanzielle Mittel haben als Schwulen-Organisationen. Was für ein Dilemma… Aber den Ausweg daraus können wir nur selber finden und Schuldzuweisungen bringen uns da sicher nicht weiter. Lesben verschwinden immer mehr aus der Öffentlichkeit. Das Berliner Magazin «Siegessäule» spricht gar vom Verschwinden einer Identität. Wir müssen also für unsere lesbische Identität kämpfen, was aber nicht gegen Schwule bedeutet.

Die Öffentlichkeit nimmt Lesben nicht wahr…

…weil wir in den Medien zu wenig präsent sind und die Armee der Schwulen uns verdrängt. Was für ein Quatsch. Lesbenpaare mit jeder Menge Schmusesex sind in der TV-Serienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Und immer mehr Hollywood-Junglesben gehen mit ihrer Sexualität ganz selbstverständlich um. Ja, eigentlich sollte man dies als grossen Fortschritt betrachten, doch mir macht es in gewisser Weise eher Angst, denn diese Entwicklung hat nur wenig mit der angestrebten Gleichberechtigung zu tun. Sie ist eher ein Zeichen dafür, dass die Öffentlichkeit Lesben nicht wirklich ernst nimmt. Lesben scheinen keine Bedrohung darzustellen und werden daher eher «akzeptiert». Schwulen Männern hingegen tritt man viel aggressiver gegenüber. Wollen wir also, dass man uns aggressiver entgegentritt? Sicher nicht, ehrlich gesagt ist beides nicht akzeptabel. Für unseren Auftritt in der Öffentlichkeit und unsere Sichtbarkeit sind wir jedoch auch selbst verantwortlich. Aufmerksamkeit erreicht man nicht im stillen Kämmerlein. Wir sind bequem geworden und wenn uns was nicht passt, geben wir einfach anderen die Schuld. Der echte Kampfgeist unserer «Vorfahren» ist uns fremd.

Was wollen wir?

Und mit «wir» meine ich die gesamte LGBTQI-Community. Akzeptanz und Gleichberechtigung werden wir nie erreichen, wenn wir uns innerhalb der Community zerfleischen. Das, wofür die Szene vor Jahren auf die Strasse ging und kämpfte, nehmen wir heute als viel zu selbstverständlich hin, dabei ist es fragiler, als wir denken. Vielleicht sogar fragiler als je zuvor. Und es macht mich wütend, denn diese ständigen internen Streitigkeiten sind mehr als kontraproduktiv. Wie wäre es mal zur Abwechslung mit einem Mit- statt Gegeneinander? Getreu dem alten Motto «We are Family».