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Buchtipp: Einfach ist es nie zu gehen


Ein junger Mann zwischen Leben, Liebe und Tod. Kann er seiner unheilbar kranken Mutter ihren letzten Wunsch erfüllen?

Von Birgit Kawohl

Der erwachsene Evan sorgt sich rührend um seine Mutter Viv, eine ehemalige Lehrerin, die an Morbus Parkinson erkrankt ist. Vivs behandelnder Arzt hat eine neue Behandlungsmethode ausprobiert, die zu einer Besserung ihres Zustandes führen soll. Nachdem sich zunächst nichts tut, verbessert sich ihr Zustand dann plötzlich so, dass sie das Pflegeheim verlassen und wieder auf eigenen Füssen stehen kann. Doch dann kommt es zu einem Rückschlag und schliesslich sogar zu einem Hirnschlag, der sie endgültig aus der Selbstständigkeit herauskatapultiert. Evan steht vor der Frage, ob er den Wunsch seiner Mutter erfüllen soll, die immer gesagt hat, bevor sie noch einmal in ein Pflegeheim gehe, möchte sie lieber sterben.

Dabei hilft es Evan, der ausgebildeter Krankenpfleger ist, dass er bereits auf einer Station für begleitetes Sterben von unheilbar Kranken sowie bei einem privaten Sterbedienst gearbeitet hat. Trotzdem ist es natürlich etwas ganz anderes, jemand Fremdem auf seinem letzten Weg zu assistieren oder aber der eigenen Mutter den Becher mit dem Gift zu reichen.

Kompliziertes Privatleben

Privat ist Evans Leben nicht weniger kompliziert. Er führt eine Dreierbeziehung mit Simon und Lon, wobei diese beiden ein festes Paar sind, das auch zusammenwohnt. Evan ist dort zwar ein gerngesehener Gast sowie ein sehr willkommener Sexpartner, doch ihm selbst fehlt das Selbstverständnis, sich zu den beiden völlig zugehörig zu fühlen. Sowieso kann er, und das liegt an seiner Erziehung durch die ebenfalls keine Hilfe annehmen könnende Viv, seine Probleme weder bei Simon und Lon noch bei jemand anderem wirklich abladen. Wenn er es einmal tut, erhält er Unterstützung, aber irgendwie macht ihn das nicht sicherer in seinem Umgang mit seinen Mitmenschen.

Interessant ist, dass hier, wie man es sonst wohl bisher nirgendwo so sachlich und objektiv gelesen hat, eine Dreierbeziehung für alle Beteiligten zu funktionieren scheint. Evan hat jemanden, mit dem er Sex haben kann, ohne viel Risiko eingehen zu müssen. Zugleich hat er aber auch die Sicherheit, dass, wenn er einmal keine Lust hat oder einfach nach dem Sex abhaut, die beiden ja noch einander haben, er also niemanden alleine lässt. Die allgemein verbreitete Ansicht, dass bei Dreierbeziehung immer alle Beteiligten leiden müssen, wird hier absolut auf den Kopf gestellt. Dies mag mit Sicherheit auch daran liegen, dass die drei Männer ihre Beziehung vollkommen offen und liebevoll ausleben. Hieran könnten sich viele – egal ob in einer Zweier- oder Dreierbeziehung lebend – ein Beispiel nehmen.

Zwei Handlungsstränge bestens verknüpft

Dem Roman gelingt es, beide Handlungsstränge mit Leben zu füllen und so ist man als Leser, ähnlich wie der Protagonist, immer wieder hin- und hergerissen zwischen der lebensentscheidenden Frage «Wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen?» und dem einfachen menschlichen Bedürfnis nach Zuneigung, Verständnis, Unterstützung und – ja, natürlich auch – nach Sex. Der Bereich des frei gewählten Zeitpunkts für den eigenen Tod, der bei der heutigen Entwicklung der demografischen Verhältnisse und dem an und für sich steigenden Wunsch nach Eigenentscheidung für alle Teile des Lebens vor allem im Bereich der Kranken- und Pflegedienste, aber längst nicht nur dort, von grösster Wichtigkeit ist, wird an verschiedenen Episoden deutlich gemacht. Dabei werden diese Beispiele jedoch nicht in einer additiven Weise aneinandergereiht, dem Autor gelingt vielmehr eine geschickte Einbettung in den Gesamtkontext, sodass nie Langeweile aufkommt, sondern eher immer wieder eine neue Welle von Mitgefühl in Bezug auf die unterschiedlichen Lebensschicksale hochschwappt.

Und so lässt der Roman seine Leser letztendlich mit der schicksalsschweren Frage zurück: Wie möchte ich sterben? Was wünsche ich mir für meine Liebsten und was sich diese von mir? Ganz nebenbei regt er noch ein Nachdenken über die Akzeptanz von Hilfe und Liebe an. Und das ist weit mehr, als viele Romane aus diesem Jahr geschafft haben.

Steven Amsterdam: Einfach gehen. Unionsverlag Zürich 2018. 9783293005273. 33.90 CHF.