Schwules Lieben und Leben in der DDR


Der exclusive Cruiser-online-Buchtipp - Es ist Herbst und damit die Hochzeit der Buch-Neuerscheinungen. Daher hat sich die Cruiser-Redaktion entschieden, bei Bedarf Rezensionen ausschliesslich online zu veröffentlichen. Wir beginnen mit einem Roman von Christoph Hein.

Der Deutsche Christoph Hein ist als Dramatiker, Essayist und Übersetzer bekannt. Nun legt er mit «Verwirrnis» einen weiteren Roman vor, der einmal mehr eine Abrechnung mit der DDR darstellt.

Man kann sich ja des Eindrucks nicht erwehren, dass die Deutschen eigentlich nur zwei Themen kennen: den II. Weltkrieg und die DDR. Egal wo und egal warum sich ein Deutscher äussert, spätestens im zweiten Satz fällt eines der beiden oben genannten Schlagwörter. Und so kann es auch kaum verwundern, dass ein altbekannter Schriftsteller auch im Alter nicht noch neue Pfade betritt, sondern weiterhin auf den ausgelatschten DDR-Wegen daherkommt. Christoph Hein, Jahrgang 1944, wagt sich nach aussen hin zumindest allerdings durchaus auf neues Terrain: So widmet er sich in «Verwirrnis» dem Thema Homosexualität. Mutig, mutig, mag sich der Leser denken, wenn er sich an das Lesen des Romans macht und das Buch kurz darauf enttäuscht zur Seite legt.

Friedeward Ringeling, geboren 1933 auf dem Gebiet der späteren DDR, merkt bereits in der Pubertät, dass er schwul ist. Aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus mit einem Vater, der jedes Vergehen mit Peitschenschlägen ahndet, weiss er von Beginn an, dass er es sich auf keinen Fall leisten kann, seine Neigung öffentlich zu machen. So strengen sich sein Freund Wolfgang, mit dem ihn sowohl eine sexuelle als auch intellektuelle Freundschaft verbindet, und er an, ihre Treffen und Zärtlichkeiten geheim zu halten. Dies kann – und das ahnt der Leser vom ersten Augenblick an – nur für eine begrenzte Zeit gelingen, dann werden die beiden erwischt und Wolfgang muss kurz vor dem Abitur Schule und Stadt verlassen.

Straffreiheit garantiert den Liebenden keine Sicherheit

Während des Studiums treffen sich die beiden wieder und arrangieren sich mit den Gegebenheiten, indem sie offiziell Verbindungen mit Frauen eingehen, Friedeward mit der lesbischen Theaterwissenschaftlerin Jacqueline und Wolfgang mit seiner Sandkastenfreundin Helga. Auch nach offizieller Straffreiheit für Homosexualität in der DDR im Jahr 1959 leben die Freunde ihre Lieben nicht offen aus, Wolfgang geht irgendwann in die BRD und die Freundschaft endet. Friedeward macht an der Leipziger Uni als Literaturwissenschaftler Karriere und kann auch die Wende zunächst offenbar schadlos überstehen. Als sein Geheimnis, manche würden es sicherlich als Lebenslüge bezeichnen, aufzufliegen droht, entschliesst er sich zum Suizid und beendet sein Leben in einer Badewanne.

Das Thema der Homosexualität in der DDR wirkt zunächst interessant, dann aber merkt man schnell, dass Hein hier einmal mehr nur wieder seine kritische Haltung zum ostdeutschen Staat zum Ausdruck bringen will und ihm der gewählte Ausgangspunkt eigentlich egal ist. Die Figuren wirken hölzern, die Handlung auf der einen Seite redundant – einige Stellen werden wiederholt, als ob Hein seinen Text selbst nicht mehr im Kopf gehabt hätte – auf der anderen Seite unlogisch, da Fäden entweder nicht weitergeknüpft werden oder aber aus dem Nirwana auftauchen. Zudem ist der Autor geradezu selbstverliebt in seine eigene Sprache und kann sich von einmal gefundenen Ausdrücken, zum Beispiel «Rotlichtbestrahlung» als Synonym für politische Indoktrination, gar nicht wieder lösen, was die Wirkung dann natürlich völlig vernichtet.

Ein Roman fürs (schwule) Bildungsbürgertum

Insgesamt kommt der Roman zu sehr als das bildungsbürgerliche Vorhaben eines älteren Herrn daher, der, belesen wie er ist, seinen Protagonisten Gedichte des Literaturkanons zitieren lässt, Thomas Mann und Robert Musil erwähnt und sich offensichtlich bei Hermann Hesses Coming-out-of-Age-Roman «Unterm Rad» bedient, wenn es um die Schilderung der jugendlichen Liebe von Friedeward und Wolfgang geht.

Einzig gelungen ist die Reaktion der Lesbe Herlinde auf die zukünftig geltende Straffreiheit für Homosexuelle, die meint, dass sich nun trotzdem nicht viel ändern werde, denn «Gesetze schaffen ein Tabu nicht aus der Welt. In diesem Fall ist der Gesetzgeber weiter und fortschrittlicher als die Gesellschaft.» Dass sie damit Recht hat, merkt die LGBT*-Community leider immer noch zu oft. Aber nur für diese Passage lohnt es sich wahrlich nicht, mehr als 300 Seiten zu lesen.

Christoph Hein: Verwirrnis. 2018. Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3518428221. CHF 33.90.