Mann, Frau, beides – egal!


Nicht nur die sexuelle Orientierung gibt immer wieder Anlass für Ausgrenzung oder Diskriminierung, die Geschlechterzuordnung kann genauso kompliziert sein.


Langsam hat man sich – zumindest unter Menschen mit ein wenig Bildung – daran gewöhnt, dass es mehr Lieben gibt als die zwischen Mann und Frau. Wobei gewöhnt vielleicht doch zu viel gesagt ist, zumindest wenn man die Zahl der Hatecrimes betrachtet und den offensichtlichen Sensationswert von Outings in den Medien nicht ausser Acht lässt. Also formulieren wir es mal so: Im Wesentlichen weiss man in unseren Breitengraden, dass nicht alle Menschen heterosexuell sind. Oder, wie Tania Witte bereits 2017 im «Zeit Magazin» feststellte: «Schwul sein ist out und Lesben waren noch nie wirklich in.» Ob das in dieser Rigorosität richtig ist, mag einmal dahingestellt sein, worauf Witte aber hinauswill, ist Folgendes: Homosexuelle Lieben lassen nicht mehr allzu viele Menschen aufzucken, man weiss über sie Bescheid, sie sind in Film und Fernsehen quasi «auserzählt». Deswegen fokussiert sich eben die Medienbranche, die ja jeweils ein ziemlich gutes Gespür für gesellschaftliche Bedürfnisse hat, auf den Bereich der trans Menschen, die nun überall auftauchen (z. B. in «Transparent» oder auch in «Orange is the New Black»). Wobei das Sichtbarwerden seine Ursache nicht darin hat, dass es hier einen offensichtlichen Trend gibt, also Menschen sich plötzlich mal überlegen, trans zu sein, sondern der Grund vielmehr in dem genaueren Hinschauen liegt. Insgesamt geht es hier jedenfalls um mehr als um die sexuelle Orientierung, sondern darum, als welches Geschlecht man sich fühlt. Und dies kann eben ein anderes sein, als die primären Geschlechtsmerkmale und die daran vorgenommene Zuordnung als Baby festgelegt haben.


rmeintlichen Anderssein konfrontiert.


Schon das Ausfüllen eines Formulars ist schwierig

Dies beginnt bei ganz simplen Dingen wie dem Ausfüllen eines Bestellformulars. Dort muss in der Regel als Erstes angekreuzt werden, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Die Möglichkeit, «keins von beiden» oder aber noch besser, das Freilassen dieser Kästchen, ist in den meisten Fällen keine Option. Was tun? Einfach ein Geschlecht ankreuzen, auch wenn es das falsche ist? Die Bestellung abbrechen? Den Kundenservice kontaktieren? Das Letzte wäre sicherlich die richtige Entscheidung, allerdings auch die zeitaufwändigste und nervenaufreibendste. Nicht jede nicht-binäre Person hat Lust, sich dauernd gegenüber wildfremden Menschen zu outen und zu erklären, was das «Problem» ist. Denn damit fängt es ja schon an, man wird als Problem wahrgenommen, also kann ja etwas nicht richtig sein. Warum ist es nicht möglich, einfach eine dritte Möglichkeit hinzuzufügen? Ist es beim Bestellen von ein Paar Sneakern Grösse 40 für den Händler wirklich entscheidend zu wissen, ob diese von einem Mann oder einer Frau bestellt werden? Es ist übrigens nicht hilfreich, den nicht-binären Personen zu raten, einfach irgendetwas anzuklicken. Das wäre ungefähr so, als wenn jeweils die Hautfarbe abgefragt würde und man dann gezwungen wäre, etwas Falsches anzugeben. Das käme den meisten Menschen ja auch nicht richtig vor.



c) Alison Cohen Rosa/Netflix

Garcia spielt einen non-binären Transmann. Privat verzichtet die schauspielende Person auf Geschlechtspronomen.



Die deutschen Pronomen kennen keine nicht-binären Menschen

Die (deutsche) Sprache birgt aber noch viel mehr Probleme für nicht-binäre Personen, denn wie geht man mit dem Personalpronomen um? Hier gibt es im Deutschen nur die Möglichkeiten er oder sie, will man nicht als das ewige Kind, also es, dastehen. Dies passt vor allem bei denjenigen nicht, die sich als genderfluid bezeichnen, die sich also wechselnd mal als Mann oder mal als Frau fühlen. Oder auch bei Agendern, die sich geschlechtslos fühlen. Selbst bei sich dauerhaft einem Geschlecht zugehörig Fühlenden wird es schwierig, wenn das Pronomen nicht mit dem kombinierten Vornamen zusammenpasst.

Im Englischen oder Schwedischen gibt es hierfür Möglichkeiten, im Deutschen sucht man noch nach einer überzeugenden Neuerung. Ideen werden z. B. auf nibi.space/pronomen gesammelt. Da dort jede*r seine Idee notieren kann, sind die Vorschläge von ganz unterschiedlicher Qualität, manche scheinen sehr einleuchtend, andere wieder primär ungewöhnlich und «unhandlich». Wichtig ist hier aber vor allem die Thematisierung der Problematik, denn es kann nicht sein, dass man im ach so offenen 21. Jahrhundert keinen Willen zur Lösung dieses sprachlichen Mangels hat.



c) Wikipedia

Gemäss Wikipedia ist die Nonbinary Pride-Flagge 2014 von Kye Rowan entworfen worden. - gelb für Personen ausserhalb der Binärität - weiß für Vielgeschlechtliche - lila für Zwischengeschlechtliche (m↔w) - schwarz für Ungeschlechtliche


Überall lauern Schwierigkeiten

Was die Sprache nicht schafft, dies gelingt in anderen Bereichen des Lebens ebensowenig: Da bleibt immer wieder die allfällige Toilettenfrage. Auf welche Toilette dürfen / müssen non-binäre Menschen gehen? Warum ist es so schwierig, Unisex-Toiletten einzurichten, Google hat es in seinen Büros in Zürich doch vorgemacht. Es kann jedenfalls nicht sein, dass sich non-binäre Personen einen Schlüssel für eine Behindertentoilette organisieren müssen, weil diese nämlich schon seit Jahren selbstverständlich unisex sind.

Würde man nicht dauernd auf die Einteilung in Geschlechter bestehen, wäre für viele Menschen das Leben um vieles einfacher. Sie müssten nicht dauernd gegen Geschlechterklischees – die sowieso vollkommen antiquiert sind – ankämpfen. Keiner würde sich mehr wundern, wenn Jonathan im Sommer im luftigen Kleid ins Büro käme, weil dies besser zu den Temperaturen passt, oder dass Jeanette, die an manchen Tagen auch Jean heisst, Fliesen verlegt, während Sebastian die Blumenköpfe der gemeinsamen Wohnung bepflanzt. Dass Genderrollen doof sind, hat sich inzwischen schon herumgesprochen, doch wird immer noch viel zu viel Wert auf sie gelegt und damit werden auch weitere Generationen in bestimmte Verhalten hineingepresst werden.

Viele Dinge in der Gesellschaft haben sich irgendwann einmal etabliert, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt praktisch und meist ökonomisch sinnvoll waren, andere, weil man es nicht besser wusste, bzw. die Kirche und ihre Lehre noch zu viel Einfluss hatte. Im Zeitalter von Frauen als Staatsoberhäuptern und alleinerziehenden Vätern, um nur zwei Beispiele zu nennen, sollte man erkannt haben, dass vieles so nicht mehr sinnvoll ist. Lasst es uns ändern!