Schlimm, schlimmer, alt

Die Menschen werden immer älter und dynamischer. Trotzdem scheint das Altern gerade in Gay-Kreisen eine der schlimmsten Horrorvisionen zu sein.



Der furchtbarste Moment, so Peter, 42, sei gewesen, als ihm seine beste Freundin im Sommer frohgelaunt entgegenschmetterte: «Aber im Muskelshirt kannst du jetzt echt nicht mehr rausgehen!» «Da», so Peter, «ist mir erschreckend klar geworden, dass ich nun definitiv zum alten Eisen gehöre. Meine besten Jahre sind vorbei.»

Altwerden gehört zwar unabänderlich zu jedem Leben dazu, es sei denn, man lebt konsequent das Motto «Live fast, die young». Ansonsten hat man keine Möglichkeit, diesem «Schicksal» zu entgehen. Aber gefühlt ist es gerade in schwulen Kreisen ein absolutes Drama, wenn die ersten grauen Haare oder Falten sichtbar werden. Oder ist das nur ein weit verbreitetes Vorurteil?

Die politische Soziologin Lea Schütze hat diesbezüglich Selbstbeschreibungen von Männern zwischen 60 und 90 Jahren analysiert, aus denen deutlich wird, dass die meisten Betroffenen von einer «doppelten Bedrohung» der Männlichkeit sprechen: ihre Homosexualität und nun auch das Alter. Mit der Homosexualität habe man sich inzwischen im eigenen Selbstbild arrangiert, aber der hinzukommende Altersaspekt versetze vielen einen herben Schlag in Bezug auf Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Wobei dann viele der Befragten auf Nachfrage zugaben, dass manche der als bedrohlich empfundenen Veränderungen nicht unbedingt nur für Schwule gälten, sondern eigentlich alle Männer betroffen seien. Dazu zählten neben der schwindenden Potenz auch der mit dem Alter meist stattfindende Lebensumbruch von der Berufstätigkeit die erste, die – weitgehend – gesund alt werden kann. Wenn man sich an die verheerenden Verluste erinnert, die durch das Wüten von Krankheiten wie AIDS oder politscher Verfolgung wie im Nationalsozialismus zusammenkamen, muss man gestehen, dass es alte Schwule so bisher eigentlich noch gar nicht gab.


So erreicht nun auch die erste schwule Generation das Pensionsalter und muss sich einigen Fragen stellen, auch solchen, die ausserhalb der typischen Frage: «Was machst du denn jetzt mit der ganzen freien Zeit?» stehen. Dies bleibt aber nach wie vor sicherlich die erste grosse Hürde nach dem letzten offiziellen Arbeitstag. Lebensstrukturen, die über Jahre gewachsen sind und dem Alltag ein festes Gerüst verschafft haben, brechen häufig von einem auf den anderen Tag weg. Mit den nun nicht mehr vorhandenen Strukturen gehen auch soziale Veränderungen einher. Zuhause fehlen viele der sonst automatisch am Arbeitsplatz vorhandenen Sozialkontakte, auch wenn man über die Kolleg*innen vorher nahezu täglich geschimpft hat. Nun wird das Leben ein Stück weit einsamer. Viele Ruheständler haben das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilzuhaben, sondern nur noch einen gefilterten Ausschnitt zu erleben.


Angst vor Alleinsein und Unselbständigkeit


Daher sind auch, wie Daniel Frey auf habqueerbern.ch feststellt, Alleinsein und Unselbständigkeit die beiden meistgenannten Ängste in Zusammenhang mit dem Altern.

Hierbei kommt für Schwule oftmals erschwerend hinzu, dass sie weniger enge Familienbindungen haben, gerade was mögliche Hilfe im Alter betrifft. Homosexualität habe, gemäss der Befragung von Lea Schütze, zwar grundsätzlich den Vorteil, dass man als Schwuler häufig eigenständiger sei als heterosexuelle Männer, was auch die Angst vor dem Alleinsein per se geringer mache. Viele Dinge, die Heterosexuelle noch nie selbst gemacht haben (wir erinnern an die Aufgabenverteilung in heterosexuellen Partnerschaften – offenbar gibt es immer noch Männer, die jeden Morgen ihre Kleidung für den Tag einschliesslich der Unterwäsche von ihren Partnerinnen herausgelegt bekommen, vom Einkauf dieser ganz zu schweigen), sind für Gays längst eine Selbstverständlichkeit.

Allerdings: Solange die Fragen der Vaterschaft und Adoption in der Gesellschaft nicht völlig queeroffen behandelt werden, wird es hier immer zu einer Diskrepanz zwischen Homo- und Heterosexuellen kommen, zählen Kinder doch immer noch zu den Haupthelfern in Bezug auf Alltagssituationen bei alten Menschen. Hier können auch Pflegeeinrichtungen und Spitex als Alternative zur häuslichen Unterstützung durch Kinder und Enkel nur begrenzt Ersatz schaffen, da die meisten immer noch vor allem ein heterosexuelles Klientel bedienen und ihre Hilfeleistungen dementsprechend ausrichten. Auch das Personal ist in vielen Fällen unsicher, weil nicht geübt im Umgang mit den speziellen Bedürfnissen von LGBT*s. Aber Rettung naht, denn das nun eröffnete Regenbogenhaus in Zürich kann diesbezüglich eine erste, bitternötige Abhilfe schaffen. Mit einem speziellen Angebot wird hier fortan alles für queeres Altwerden und Altsein geboten, was bisher in vielen anderen Städten noch fehlt.

Andererseits: Warum ist es Schwulen so wichtig, im Alter in der eigenen Community zu leben? Warum werden immer wieder vehement spezielle queere Betreuungsangebote eingefordert? Typische Alterseinschränkungen wie stärker werdende motorische Schwierigkeiten unterscheiden sich ja sicherlich nicht von denen der Heterosexuellen. Die Sexualität wird wahrscheinlich auch kaum der Hauptgrund sein, denn bei Schwulen sinkt (analog zu Heterosexuellen) in der Regel ebenfalls die Potenz mit dem Alter. Dies hat in der Regel eine geringere aktive Kontaktsuche zur Folge, da die Bedeutung sexueller Aktivität für die meisten Männer abnimmt.


Trotzdem sagen viele Schwule, dass es ihnen enorm wichtig sei, auch im Alter als homosexuell wahrgenommen zu werden. Wahrscheinlich haben viele viel zu lange dafür gekämpft, als schwul wahrgenommen zu werden, als dass sie dann im Alter in einer heterosexuellen Einheitssuppe verschwinden wollen. Auch Daniel Frey berichtet von dem Wunsch vieler 60+-Schwuler, dass es mehr Möglichkeiten für schwule Gruppen für den Austausch geben sollte. Zu unverstanden fühlen sich die meisten der Befragten Männer häufig von den Heteros. Die jahrzehntelange Trennung der Lebenswelten kann im Alter nicht einfach nahtlos wieder zusammengefügt werden. Sozialisation und Lebenswege sind so unterschiedlich verlaufen, dass man quasi das Gefühl hat, aus weit entfernten Galaxien aufeinanderzutreffen.


Auch Schwule spüren das Ticken der biologischen Uhr


Dazu kommt, dass sich Schwule in den meisten Fällen als sehr viel weniger konservativ im Vergleich zu ihren heterosexuellen Altersgenossen empfinden. Ob das wirklich so ist, weiss man nicht sicher, jedoch reklamieren die Gays für sich auf jeden Fall eine grössere Gestaltungsfreiheit, was ihr Leben angeht. Dies führe zu mehr Offenheit gegenüber anderen, etwas, das den Menschen im Alter sowieso häufig verlorengeht.

Aber um nochmals auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Haben es Schwule insgesamt schwerer älter zu werden als Heteros? Sind die Schwulen eigentlich hier eng mit Frauen verwandt, die ebenfalls gerne Botox und Polycolor in Anspruch nehmen, um eventuelle kleine Mängel zu vertuschen? Manchmal kann man dieses Gefühl schon bekommen, wenn man z. B. Artikel liest, wie den von Onur Ogul in der «Schweizer Illustrierten», der an seinem 30. (!) Geburtstag einen absoluten Hilferuf aufs Papier bringt. Hier vergleicht er seine Angst mit dem Ticken der biologischen Uhr, die meist bei Frauen um die 30 einsetzt. Nun geht es ihm natürlich nicht wirklich um seine biologische Uhr, sondern vielmehr um eine Art Bindungs-Torschlusspanik. Kann man mit über 30 noch einen «vernünftigen», meint passenden, Partner finden? Denn da man als Schwuler der Persönlichkeitsentwicklung von Heterosexuellen hinterherhinke – während die Heterojungs bereits ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln, sind Schwule häufig noch damit beschäftigt, die eigene sexuelle Orientierung zu erkennen und anschliessend zu ihr zu stehen und sich zu outen. Daher sei es typisch, dass man mit Anfang 30 «noch nicht so weit sei», was die Angst vor Vereinsamung steigere. Womit wir wieder bei schwuler Hysterie wären, denn die heutigen 30-Jährigen hätte man vor wenigen Jahren noch als 20-Jährige bezeichnet, was Aussehen und körperliche Fitness angeht.


Zu einem gesunden Altern kann jeder Einzelne zudem einiges selbst beitragen, jeder sollte hierfür bereits frühzeitig ein eigenes Konzept entwickeln – hierzu gehören Aspekte wie Achten auf die eigenen Vitalfunktionen, aber auch gesundes Essen und ausreichende Bewegung-, bei dessen Umsetzung er dann von der Gesellschaft und den betreuenden Institutionen unterstützt werden kann.

Letztendlich sind Schwule wahrscheinlich einfach offener, was ihre Ängste und Befürchtungen in Bezug auf das Alter angeht als ihre heterosexuellen Geschlechtskollegen. Gleichzeitig haben sie – eine berechtigte – Angst davor, dass ihnen in ihrem letzten Lebensabschnitt in einer Pflegeeinrichtung wieder die gleichen Vorurteile und Ressentiments entgegentreten, mit denen sie schon immer zu kämpfen hatten. Und wer, egal ob homo- oder heterosexuell, wünscht sich nicht, so zu altern wie die beiden Herren im Refrain des Hiphop-Songs «Opa & Opa» von «Fettes Brot»:

Opa und Opa sitzen aufm Sofa// Lachen darüber, was früher alles los war// Traurige Momente, Zeiten, in denen man glücklich ist// Opa und Opa, sie streiten und sie küssen sich.