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Lasst uns die Ketten sprengen!


Gesundheit Break the Chains – mehr als eine Kampagne

Die Zeit ist reif für Safer Sex – Ausreden gibt es keine: „Break the Chains“ ist im April zum vierten Mal am Start und will der HIV-Primoinfektion den Garaus machen. Was ist eine Primoinfektion? Wir klären auf.

Ivo traf Claude in einem Chat-Room, beide fanden sich vom ersten Pixel weg attraktiv und die Vorlieben in Sachen Analsex liessen keine Fragen offen. Noch besser, beide gaben eindeutig „Safer Sex“ an. Man traf sich bei Ivo zuhause. Selbstverständlich wurde, wie oft beim ersten Date, wenig über die Vergangenheit gesprochen. Dafür war die Anziehungskraft gross, so gross, dass der Sex grossartig und der Schutz bedeutungslos wurde.

Ein Blick in die Vergangenheit offenbart aber, dass Claude bereits zwei Wochen zuvor ebenfalls ungeschützten Analverkehr hatte. Dort infizierte er sich unwissentlich mit HIV. Das macht ihn beim Treffen mit Ivo hochinfektiös – denn Claude befindet sich in der ersten Phase der HIV-Übertragung, der sogenannten Primoinfektion, in welcher sich das HI-Virus ungehindert in seinem Körper ausbreitet. Ivo hatte also beim ungeschützten Analverkehr mit Claude ein bis zu 100 Mal grösseres Risiko sich zu infizieren als ausserhalb der Primoinfektion. In dieser ersten Zeit kann einmal ungeschützt für eine HIV-Übertragung reichen.

Diese vom Leben inspirierte Fiktion ist sozusagen das Worst-Case-Szenario und beschreibt das grösste Problem der Primoinfektions-Problematik: Das Nichtwissen. Denn HIV ist nicht immer gleich infektiös. Bei der Primoinfektion ist das Risiko einer Übertragung am grössten. Dies ist auch das Leitmotiv der Kampagne „Break the Chains“, die nun bereits in die vierte Runde geht. Die Aktion, finanziert vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), realisiert von der Aids-Hilfe Schweiz (AHS) und durchgeführt von den fünf Checkpoints, den schwulen Gesundheitszentren, will auch in diesem Jahr die schwulen Männer für die Primoinfektion sensibilisieren.

Die akute Gefahr

Worin unterscheidet sich die Primoinfektion von der generellen Infektion? Sie ist die erste Phase nach der Infektion mit HIV. Während dieser Zeitspanne, die in der Regel drei bis zehn Tage, manchmal aber auch länger dauert, breitet sich HIV rasch im Körper aus und etabliert die Infektion definitiv. Noch haben sich keine Antikörper gebildet und die Anzahl der Viren schnellen in ungeahnte Höhen. Die Anzahl der Helferzellen (sogenannte CD4-Zellen) nimmt dagegen in dieser Zeit rapide ab. Experten gehen davon aus, dass eine Mehrheit der HIV-Infektionen in den wenigen Wochen der Primoinfektion stattfinden

Doch was wäre, wenn diese Zeit einfach übergangen werden könnte? Der Weiterverbreitung von HIV könnte Einhalt geboten werden. Die Idee der Fachleute ist daher simpel: Würden ab einem bestimmten Zeitpunkt alle schwulen Männer vier Wochen ausschliesslich geschützten Sex praktizieren, könnte so die heikle Phase der Primoinfektion quasi „übersprungen“ werden. In vier Wochen würde es somit zu keiner HIV-Infektion kommen.

Mit „Break the Chains“ wird diese Zeit überbrückt. Darum werden einen Monat lang im April schwule Männer dazu angehalten, kein Risiko einzugehen. Safer Sex ist gefragt – sicherer Analverkehr ist damit gemeint. Denn ungeschützt geschehen die HIV-Übertragungen in der Primoinfektion. . Alle anderen gängigen Sex-Praktiken, wie etwa Blasen mit Sperma im Mund, sind in Bezug auf HIV ungefährlich, falls nicht eine andere Geschlechtskrankheit mit offenem Infektionsherd vorhanden ist.

Die Kampagne vermittelt in diesem Jahr die pure Botschaft, ohne Apps oder Preise, wie es in den vorgängigen Kampagnen geschah Trotzdem wird sie dank des neuen Designs präsent sein. Botschafter werden an angesagten Szeneorten unterwegs sein und der Community Rede und Antwort stehen, während im Web die Seite breakthechains.ch unter anderem mit einem Risikocheck viele Informationen vermittelt.

HIV-Test für zehn Franken

Damit ist es aber nicht getan. Im Mai kann sich jeder in den Checkpoints und anderen Teststellen für nur zehn Franken auf HIV testen lassen. Dazu ist kein Gutschein nötig. Alle auf DrGay.ch aufgeführten Teststellen machen mit. Mit dieser Aktion kann geklärt werden, ob sich jemand bis Ende März einem Risiko ausgesetzt hat, beziehungsweise mit HIV infiziert wurde. Wer seinen Status kennt, oder ein positives Ergebnis erhalten sollte, hat denn entscheidenden Vorteil, dass die Therapie sofort begonnen werden kann. Die Infektion lässt sich heute medizinisch in Schach halten – das sogenannte EKAF-Statement (Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen) besagt, dass alle HIV-positiven Menschen unter wirksamer Therapie sexuell nicht mehr ansteckend sind.

Die Vision der Kampagne ist, dass alle Männer, die Sex mit Männern haben, bei „Break the Chains“ mitmachen. Nach einem Monat ohne Risiko, mit Safer Sex wird es viel weniger HIV-Infektionen geben. Und damit wird der Sex für alle sicherer. Entscheidend dafür ist, dass schwule Männer realisieren, wie hoch das Risiko in den Tagen nach einer Infektion ist. Dem müssen sich Männer, die Sex mit Männern haben, stellen. Die Aussage „Jeder ist für sich selber verantwortlich“ mag richtig sein, doch nur zusammen sind wir stark. Und der Wissensstand in Sachen Safer Sex ist nicht immer gleich gross, wenn sich zwei Männer zum Date treffen. Und die Lust auf Kondome auch nicht...

Also los, lasst uns diese Kette sprengen – seien wir mutig, unbeirrbar und stark. Lasst uns das Leben geniessen und den Schutz auf die Fahne schreiben.

Risikocheck

Mach den Risikocheck auf www.breakthechains.ch. Da erfährst du auch, wie du bei der Kampagne mitmachen kannst. Du möchtest zudem mehr erfahren über das HI-Virus, Antikörper oder CD4-Zellen? Unter mycheckpoint.ch erhältst Du detaillierte Informationen. Du kannst aber auch persönlich Dr. Gay zu Rate ziehen – schreib ihm eine Frage unter drgay.ch und er wird Dir innert drei Tagen ausführlich antworten.